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Full text of "Geologisches über sal Peterbildung vom Standpunkte der Gährungschemie"

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-r"'/ 



»Es erscheint billig, angesichts all des Schadens» 
welchen die Pilze und Bakterien in der Welt anrichten, 
sich auch des eminenten Nutzens, welchen sie stiften, 
bewusst zu bleiben.« 

P. Biiumgarten, Lehrb. d. pathol, Mykologie. 



Geologisches 



über 



Salpeterbildung 

Tom Stande der däliniisclieiiiie. 



Von 



A. Plagemann 

Dr. phil. 



Hamburg 1896. 



Kommissionsverlag von 

Gustav W. Seitz Nachf. 

Besthorn Gebr. 



4^ 



\ 






• • • «• ••, • • • • • •• , 



4r 



Ueber Salpeterbildung 
vom Standpunkte der Gährungschemie. 



Es ist ein alter Gemeinschaden, dass das Laien- und 
Gelehrtenpublikum, welches wir als die Gebildeten zusammen- 
fassen, vornehmlich von den noch nicht ausgetragenen wissen- 
schaftlichen Streitfragen angezogen wird, so dass der unruhige 
Geist Unzähliger — statt zunächst einmal auf das Wissbare — 
schnurstracks auf die unmittelbare Erfassung der räthselhaftesten 
geologischen Phänomene ausgeht. Unberührt von peinigenden 
Zweifeln hegen diese naturfreundlfchen Zirkel ihre mühelos ge- 
bildeten Lieblingsvorstellungen ; am Horizont ihrer vermeintlichen 
Naturerkenntniss befestigen sie lediglich das, was in ihren Kram 
passt, — über das andere, was der Phantasie nicht schmeichelt, 
täuscht man sich hinweg — , und die einmal von Illusionen Be- 
strickten überzeugen sich später nur schwer der wissenschaftlichen 
Unzulänglichkeit ihrer Folgerungen. Die Beschäftigung mit den 
Einzelheiten der erfahrungsniässigen Wissenschaften über Beobach- 
' tungen, Funde, Forschungen und Experimente dünkt den Meisten 
offenbar zu trocken und zeitraubend, und sie halten sich nur un- 
gern beim Studium des Nachweisbaren auf, das uns allein zum 
Verständniss fuhrt des kausalen Zusammenhanges der Aeusser- 
ungen der im Verborgenen wirkenden Naturkräfte, welche die 
Allgemeinheit so mächtig reizen. 

Nach den Erfahrungen, welche man gewöhnlich bei wich- 
tigen Neuentdeckungen zu machen pflegt, hätten die den Natur- 
wissenschaften freundlichen Kreise mit dem Anwachsen der stau- 
nenerregenden Eroberungen der Physiologen und Chemiker auf 
dem Gebiete der Zymologie und Bakteriologie in Uebereifer ver- 
fallen müssen. Es durfte in der That vorausgesetzt werden, dass 



399144 



%•.::• :/:•. ••• 

man an diese bedeutsamen Errungenschaften sofort die weit- 
gehendsten Erwartungen inbezug auf die Erklärung geologischer 
Räthsel knüpfen würde, dass die Gelehrten, von einer wissen- 
schaftlichen Epidemie befallen, auf die Thätigkeit mikroskopischer 
Pilze auch solche Naturerscheinungen zurückzufuhren geneigt sein 
würden, deren Zustandekommen die Urheberschaft von Mikroben 
freilich gänzlich ausschliesst. Jedoch nichts von dem trat wirk- 
lich ein; das übliche Ueberdaszielhinausschiessen blieb in diesem 
Falle aus! Die Nichtfachgelehrten trieben ihre Vogel-Strauss- 
Politik durch Jahrzehnte weiter, und in unseren Tagen be- 
stätigen auch in dieser Sache die Ausnahmen die Regel, dass 
ganz zweifellos die Ueberzahl der Geologen der enormen Tragweite 
der neuen Wahrheiten ihr Naturverständniss verschlossen hält^ 

Da es sich aber um thatsächliche Entdeckungen handelt, 
die nicht weggeleugnet werden können, da von. mikroskopischen 
Pilzen durch Gährungswirkungen in der That bedeutende geolo- 
gische Effekte hevorgebracht werden: woher dann diese Ab- 
weichung im Verhalten der naturforschenden Kreise?! 

Gerade in den letzten Jahrzehnten, nachdem die Brot- und 
die Essigerzeugung aufgehört haben, eine häusliche Angelegen- 
heit zu sein, nachdem das Hauptgährungsgewerbe, die Bier- 
braiierei, auf wissenschaftlicher. Grundlage reformirt, zu einem depi 
Verständniss des grossen Publikums unzugänglichen Felde der 
chemischen Technik und Grossin4ustrie herausgebildet worden: 
wer möchte heute wohl im Ernste bestreiten, dass überall die 
Möglichkeit, mit der Aufhellung über das Wesen dieser chemi- 
schen Processe die Wahrheit über eine Vielzahl von mikrobiolo- - 
gisch gepchemischen Phänomenen selbst nur in engere Kreise 
zu. tragen, jetzt gegen früher eine sehr viel geringere geworden 
ist^ da wir die natürlichen einfachen Anknüpfungspunkte mehr 
und mehr verlieren. Unter den Stadtbewohnern, die sich von 
den Erzeugnissen eines durch Gährungsvorgänge fruchtbaren 
Bodens nähren, verfallen überhaupt nur noch recht wenige darauf, 
über die Natur des pflanzenernährenden Wirkungsvermögens des 
Gründüngers, des Stallmistes und des Salpeters, also über die für 
die Existenz der Menschheit wichtigsten mit dem Wachsthum 
von Mikroben verknüpften Processe, gehörig nachzudenken. Wenn 
ihn sein Fachstudium nicht gerade mit der Gährungschemie in 
Berührung bringt — wer vermag da noch eine verständige Erklä- 



- 5 — 

ning zu geben von dem Wesen und der Wirkungsweise der ge- 
wöhnlichsten Gährungserreger, des Sauerteiges oder der Hefe; 
wer, obgleich er täglich die Produkte der Lebensthätigkeit mi- 
kroskopischer Pilze verzehrt und geniesst, und obgleich er über 
die Mikroorganisnien als Krankheitserreger ein langes und breites 
zu erzählen weiss — freilich ohne eine Ahnung zu haben von 
den Analogien, welche veranlasst werden durch das Wachsthum 
der verschiedenen Mikroben : der gewöhnlichen Gährungserreger, 
der Bakterien und der Schimmelpilze! Aber auch die Natur- 
forscher dringen bei de!l- gegenwärtigen masslosen Bereicherung 
aller Theilwissenschaften in nichts schwieriger ein, als in das 
wissenschaftliche Verständniss . solcher allergewöhnlichster sich 
täglich rings um uns herum und in uns selbst abspielender oder 
in der Industrie absichtlich angewandter Processe. Es würde in 
der That ein unbilliges Verlangen sein, wollte man fordern, dass 
jeder Vertreter der höheren Bildung sich unterrichtet erweisen 
solle über die Natur der lebendigen Substanz, über die Eigen- 
schaften des lebenden Protoplasmas, worauf ja die nach den ein- 
zelnen Arten verschiedenen Lebensäusserungen der Pilze und 
Bakterien beruhen. W. Migula schliesst ein Kapitel, das von 
den Bakterien im Haushalte der Natur handelt, mit folgenden 
zu denken gebenden Worten: »der Mensch freilich hält diese 
Kräfte nicht hoch, denn er denkt nicht daran, welche wichtige 
Rolle sie im Haushalte der Natur spielen, die Namen klingen 
ihm widerwärtig und vor dem dritten hat er Furcht. — Die 
Kräfte sind : Gährung, Fäulniss und Seuche, die Lebensthätigkeiten 
der Bakterien.« 

Die Trägerin der Lebenserscheinungen, die Protoplasma- 
Substanz, gehört nun zu den eminent fäulniss- und zersetzungs- 
fahigen Eiweisskörpern, welche, im Mittel 17^ Stickstoff im 
gebundenen Zustande enthaltend, durch die ganze Pflanzen- und 
Thierwelt verbreitet sind. Des weiteren kennen wir den Stick- 
stoff* in unorganischer Bindung in den Ammoniak- und Salpeter- 
säureverbindungen; ausserdem konimt der Stickstoff" im freien 
Zustande in Gasquellen und in der Atmosphäre vor, die zu 4/5 
aus freiem Stickstoff besteht. Wie ersichtlich, so ist der Stick- 
stoff* als solcher und in seinen verschiedenen theils flüchtigen, 
theils leichtauflösHchen Verbindungen ein ungemein bewegliches 
Element, das sich der Wahrnehmung durch den Ungeübten oder 



— 6 — 

Nichteingeweihten entzieht. Kein Wunder also, dass man — 
über die Schicksale des Stickstoffs im Kreislaufe der Materie 
Umfrage haltend, — inbezug auf den Stickstoffkreislauf auf eine 
weitverbreitete Unkenntniss, auf die verworrensten Meinungen 
stösst; und dennoch finden wir, dass die FragQ nach der Ent- 
stehung der Salpeterlagerstätten einen beliebten Unterhaltungs- 
stoff abgiebt, den man sich vor anderem lobt. Aber an den 
Theorien, welche über die Bildung des Chilesalpeters, diese von 
Gelehrten wie Laien oft und gern digkutirte Räthselfrage, in 
sieben Decennien veröffentlicht worden sind, zeigt es sich nun 
recht deutlich: wie bedeutende Schwierigkeiten sich den aus 
verwandten Disciplinen in die Qeologie hereinkommenden For- 
schern aus der Specialisirung erheben, welche durch das mächtige 
Anschwellen des Materials in den Theilwissenschaften leider ge- 
boten ist. Die Untersuchung der am Ausgange des XIX., der 
Entdeckung und Ausbeutung der bedeutendsten Natronsalpeter- 
lager gewidmeten Jahrhunderts sich uns aufdrängende Frage, ob 
die Erklärung der Bildung des Chilenitrats bereits ihre Erledi- 
gung gefunden hat, muss vor der Allgemeinheit gründlicher als 
an dieser Stelle, als in den folgenden Betrachtungen geführt 
werden, welche den ungeheuren Stoff nicht erschöpfen, sondern 
nur einige Glossen darbringen sollen zu der heuer wieder einmal 
tobenden Jagd nach dem Ursprünge der Chilesalpetersäure. In 
meiner Absicht liegt nichts weiter, als eine schlichte Wiedergabe 
einiger Eindrücke, welche die Lektüre einer Anzahl neuester 
Nachrichten über die gedachte Problemsauflösung auf mich her- 
vorgebracht hat. In jden im Folgenden im letzten Abschnitte zu 
besprechenden Artikeln werden wir nämlich finden, dass von den 
betreffenden Autoren mehrere Variationen des alten Themas ge- 
liefert worden sind. ^) 



I. Den Einsendern der Aufsätze, ' den Herren Redakteur Alexander 
Traut mann -Valparaiso, Wilhelm Hansen-IquiqueundHermann G.Schmidt, 
k. k. österr.-ungar, u. kaiserl. deutsch. Consul a. I)., Consul von Chile zu 
Berlin-Cbarlottenburg, herzlichen Dank in lebhafter Erinnerung der Aufnahme, 
welche sie mir zur Zeit unseres gemeinsamen Verkehrs an der Salpeterkttste im 
Verein mit den Herren Oskar Salbach- Iquique, Alfred Quaet-Faslem- 
London, Peter M. Wessel, Generalconsul von Chile zu Kopenhagen, in dett 
Salzwüsten und Erzgrubendistrikten von Tarapacä und Atacama bereitet haben. 
Mit freundschaftlichem Glück autl A. P. 



— 7 — 

Die Belehrung weiterer Kreise hat nun die thatsächliche Ent- 
hüllung des fraglichen Naturgeheimnisses zur Voraussetzung, und 
da aus den folgenden Zeilen so viel mit Sicherheit hervorgehen 
wird, dass »ein Rückwärtsschauen auch hier ein Wiedergewinnen 
ist, das uns Moderne bescheidener machte, so übergebe ich die- 
sen Bericht der Oeflfentlichkeit, denn »veritas vel mendacio cor- 
rumpitur, vel silentio«. 

. ♦ . . Das Geheimniss der natürlichen Erzeugung des Chile- 
salpeters beschäftigt also unzählige mehr oder weniger berufene 
Köpfe; die Auflösung des Räthsels wollte jedoch ungeachtet aller 
Mühe nicht gelingen: jedenfalls wurde die interessante Frage 
infolge der Uneinigkeit unter den Specialforschern mit der Zeit 
zu dem Range eines dunkelsten Problems der Geologie erhoben, 
— zu einem Nolimetangere, vor welchem sich vorläufig die 
Geologen noch immer bekreuzigen, als vor einem überhaupt un- 
lösbaren Problem, dem man nicht nahetreten soll. Allein die 
Erklärung dieses vieldurchdachten Räthsels der Schöpfung beruht 
nicjit mehr ausschliesslich auf geistreichen Ideen: die Wissen- 
schaft ist inzwischen so weit vorgeschritten, dass wir endlich vor 
einer geologischen Aufgabe stehen, welche einer zeitgemässen 
nüchternen methodischen Behandlung bedarf Die Methode ist 
vorgeschrieben, dessenungeachtet werden selbst von anerkannt 
tüchtigen Gelehrten die Verdienste gerade derjenigen Männer, 
welchen wir die zeitgemässe Beantwortung der Hauptfrage, somit 
die Auflösung des engeren Problems verdanken, mit Voreinge- 
nommenheit abgewogen. Viel eher, hofft man, an das ersehnte 
Ziel zu gelangen, auch ohne die induktorische Methode zu be- 
folgen; die Lösung des hartnäckigen geologischen Räthsels will 
man vermittelst ad hoc kombinirter Naturvorgänge durch einen 
glücklichen Wurf herbeifuhren >gleichsam in dem Gedanken, Gott 
werde einer Sehnsucht zu Gefallen Wunder thun, die Natur ver- 
ändern«. Noch immer machen sich auf diesem vielbegangenen 
Forschungsfelde alte Massensuggestionen breit. Der Nachweis 
ist leicht geführt, dass alles was bisher gethan worden ist, nicht 
das war, was nöthig war, um auch das weitere Problem zu lösen. 

lieber dieses Endergebniss wird aber niemand erstaunen, 
der sich vergegenwärtigt, dass dieser specielle Zweig der süd- 
amerikanischen Wüstenforschung — mit Hinsicht auf den theo- 
retischen Kern — mehr als Nebensache betrieben wurde, und der 



- 8 — 

bedenkt, dass den kritischen Suggestionen derer, welche — ohne 
^ön' den alten eingeimpften trrthümefn abzulassen, — mit ver- 
meintlichem Recht über diese Räthselfrage bestimmen, der ver- 
fülirerische minderwerthige N'ährboden noch nicht entzogen 
S^orden ist. 

Was nun den Ursprung der Salpetersäure der Chilenitrate 
anbetrifft, so ist es in der That ein Leichtes, von durchaus be- 
wussten Gesichtspunkten ausgehend, die heute denkbar grösst- 
mögliche Annäherung an das vorschwebende Ziel zu erreichen 
und die Streitfragen, welche über diesen Gegenstand erhoben 
worden sind, aus der Welt zu schaffen; andererseits bietet das 
nitrögenetische Problem nur noch inbezug auf seine historischen 
Elemente Schwierigkeiten dar. 

Die kräftigsten Versorger der Nitrifikation, der natür- 
lichen Salpetererzeugung, sind stickstoffhaltige pflanzliche und 
thierische Reste und animalische Ausscheidungen, wesshalb die 
Ansammlungen solcher Materialien vorzugsweise für die Ursprungs- 
stoffe der Chilesalpetersäure angesehen werden. Die Nitrifikation 
bewirkt unmittelbar die Ernährung der Pflanzen durch die Um- 
wandlung des organischen nicht assimilirbaren Stickstoffs der 
Böden in Salpeterstickstoff, das ist die günstigste mineralische 
Form, in welcher Stickstoff den Pflanzen dargereicht werden 
kann zur Unterhaltung des Vegetationsprocesses. Wir besitzen 
jetzt über das Wesen, den Umfang und die Bedeutung des Ni- 
trifikationsprocesses durch methodische Untersuchungen von kom- 
petenten Männern einen festen Ausgangspunkt für unsere Dar- 
legungen: es ist eine festerkannte Thatsache, dass die Stickstoff- 
mineralisirung im Erdboden auf genau festgestellten Aeusserungen 
'der Lebensthätigkeit bestimmter Mikroorganismen beruht. Schon 
bei seiner Befreiung aus den organischen Stoffverbindungen durch 
die »Fäulniss« empfängt der Stickstoff den Anstoss zur Fort- 
set ung seines Kreislaufs von biologischen Kräften, durch redu- 
cirend wirkende Mikroorganismen (wenn wir die Verbrennung 
durch Feuer, ein in der Natur sehr untergeordnetes Phänomen, 
ausschliessen) ; die Produkte der Fäulniss aber werden unter ge- 
wissen Bedingungen, wenn die Fäulniss durch die Lebensthätigkeit 
von Bakterien, welche Oxydationsprocesse einleiten und durch- 
führen, in »Verwesung« übergeht, auf die höchste Sauerstoffstufe 
gehoben. So und nicht anders wird die wichtigste Salpetersäure- 



- 9 - 

quelle von der Natur erschlossen — durch den Stoffwechsel; 
und vom Anfang^e des organischen Lebens her bediente sich 
die Natur zur Regelung des Stickstoflfkreislaufes auf der Erd- 
bodenoberfläche des Lebensprocesses in den Wucherungen mikro- 
skopischer Pilze — wo immer es todte organisirte Körper 
fortzuräumen, zu zerstören, aufzulösen, zu verflüssigen, zu ver- 
gasen, in einfachere chemische Verbindungen überzuführen galt, 
— im Meer und in Binnengewässern, im Boden und auf nacktem 

Gestein Die Nitrifikation ist die wichtigste Erscheinung 

der Verwesungsvorgänge, weil auf ihr in der Hauptsache die Er- 
haltung des Lebens auf der Erde beruht. Von der »langsamen 
Verbrennung« hat schliesslich jedermann einmal gehört, von dieser 
früher sogenannten »spontanen« oder »freiwilligen« Zersetzung »sich 
selbst überlassener« Reste abgestorbener Pflanzen und Thiere, 
Aber die Geologen haben einen besonders wichtigen Grund, diesem 
Phänomen die grösste Aufmerksamkeit zu widmen: denn durch 
Fäulniss und Verwesung wurde in den verflossenen Zeiten der 
Erdentwickelung die Aufstapeluhg der'todten organisirten Körper 
verhindert, und wenn die Oberfläche unseres Planeten Heute kein 
ungeheurer, des vegetabilischen und animalischen Lebens voll- 
kommen barer Leichenort ist, so haben dieses vor anderen mikro- 
skopischen Organismen die Bakterien gewirkt. Ueberall, wo man 
im Erdboden Nitrifikation beobachtet, findet man ihre winzigen 
Erreger, die Nitrobakterien. Eine rein chemische Synthese von / 
Salpeter aus unorganischem Material hat nirgends in der Natur 
in einer beträchtlicheren Menge nachgewiesen werden können, ja 
die massgebenden Forscher glauben schon seit Jahren nicht mehr <>^ 
daran, dass das durch die Elektricität der Luft gebildete salpeter- 
saure Salz seiner Quantität nach genügen könnte, um den be- 
ständigen Verlust an gebundenem Stickstoff auszugleichen, welchen 
die Erde durch den Fäulnissprocess erleidet. 

Unserem Zwecke, einigen folgerecht denkenden Natur- 
freunden das Problem, welches der Chilesalpeter weiteren Zirkeln 
noch immer darbietet, von der chemischen Seite in der richtigen 
Beleuchtung zu zeigen, würde eine umständliche Erörterung der 
bisherigen Ergebnisse der Specialforschung in einem quellen- 
mässigen kritischen Berichte nur wenig nützen; denn das, worauf 
es zunächst ankommt, ist — eine in thatsächlicher Naturbeob- 
achtung und Naturerkenntniss wurzelnde Uebersicht über den 



/ 



— lO — 

heutigen Stand der Frage. Aber wir dürfen unsere Vorbetrachtung 
nicht abschliessen, ohne aus der Entwicklungsgeschichte der 
Gährurigswissenschaft einige der neuesten Daten beigebracht zu 
haben, die für die VerlässHchkeit unserer Darstellung zeugen. 

Was man noch vor wenigen Jahren nicht ohne Gefahr, auf 
ironische Abfertigungen zu stossen, unternehmen durfte, heute, 
da die jetzige Zeit reif ist für das Empfangen einer Ahnung von 
der Bedeutsamkeit der geozymologischen Gesichtspunkte, mag 
man es sonder Bedenken laut bekennen : die logische Entwicke- 
lung der Gährungschemie und der Geochemie drängte darauf 
hin, die Entstehung des Chilesälpeters mit Gährungsvorgängen 
in Verbindung zu bringen. 

Beim Schwinden des XVIII. Jahrhunderts befand sich das 
chemische Studium der Nitrifikation, durch zahllose Projekte und 
Versuche zu Gunsten der Hebung der Salpeterkultur gefördert, 
mit dem Fall der Transmutationslehre von der Umwandlung der 
Schwefelsäure und der Salzsäure in Salpetersäure auf dem festen 
Boden der Thatsachen, Schon um das Ende der dritten Dekade 
des gegenwärtigen Jahrhunderts war die Wirkungsweise der als 
ein pflanzlicher Organismus erkannten Hefe und der fäulniss- 
erregenden Infusorien durch die Forschungsresultate eines Cag- 
niard de la Tour, eines Turpin, Kützing, Schwann, 
Helmholtz hinlänglich aufgeklärt, sodass die theoretische Er- 
läuterung der natürlichen Erzeugung des in Südamerika in un- 
geheuren Massen abgelagerten Natronsalpeters bis auf die Er- 
klärung des Mechanismus der Nitrifikation von den Specialforschern 
in korrekten allgemeinen Umrissen hätte festgelegt werden können. 
Allein dieser letzteren Erkenntniss stand damals noch die Un- 
voUkommenheit der Methode der Mikrobenzüchtung entgegen, 
bei den Geologen jedoch in erster Linie die unheilvolle Popularität 
der Theorie Longchamp's von der Nitrifikation des freien 
atmosphärischen Stickstoffs durch die physikalische Wirkung 
poröser kalkhaltiger Böden. (Das Postulat der Nothwendigkeit 
der Gegenwart von Kalk für die Durchführung der Nitrifikation 
zieht sich übrigens durch alle älteren Theorien, da es auf der 
rohesten Empirie beruhte; die wahre Erkenntniss des zwingenden 
Grundes ist uns dagegen erst vor Kurzem geschenkt worden). 
Allein schon damals pflegten die Geologen und die Bergleute 
im Allgemeinen nicht mehr sich über die Vorgänge der physio- 



— II — 

loo^ischen Chemie zu unterrichten, obgleich die Naturforscher sich 
in jenen Tagen noch nicht so streng specialisirten wie heutzutage, 
da zum Beispiel die Salpeterschriftsteller — nach den erwähnten 
neuesten Proben zu urtheilen, — den Blick für das Ganze, für 
den Zusammenhang der Naturerscheinungen verloren haben 
dürften. — Die Führung in der geologischen Wissenschaft ist 
von den Bergleuten den Mineralogen überkommen; und gerade 
damals, als man den südamerikanischen Salpeterlagern regeres 
wissenschaftliches Interesse zuzuwenden begann, — um das Ende 
der dreissiger Jahre, — entbrannte ein erbitterter Kampf um die 
Erklärung des innersten Wesens der Gährungsvorgänge infolge 
der Aufstellung der mechanisch-chemischen Theorie der Gährung 
durch Liebig, — bis nach einer zwanzigjährigen Unklarheit 
über diesen Gegenstand L. Pasteur die biologische Auffassung 
des Princips der Gährungen zum Siege führte. — Indem nun 
Pasteur die mikroskopischen Pilze als genau bestimmte Fak- 
toren der Geochemie in die Geologie einführte, eroberte er für 
diese umfassende Wissenschaft ein neues Grenzgebiet, welches 
wir als dasjenige der Geozymologie bezeichnen wollen. 

Die Uebernahme zymologischer ^gährungs-chemischer) Ge- 
sichtspunkte in die geologische Untersuchungsmethode leitet uns 
in Zukunft an zur Revision früherer, mit unzureichenden Kräften 
unternommener Forschungen und Erklärungen. 

Es stand also schon seit einer Reihe von Jahren jedem 
Freunde der Naturwissenschaften frei, dies Eine aus dem Schatze 
der Gährungschemie zum Vortheil der Geologie zu heben: dass 
der Chilesalpeter, wie jedes andere im Erdboden gebildete Nitrat, 
unter dem Einflüsse mikroskopischer Organismen erzeugt worden 
sein müsse, da ja die erste Umwandlungsstufe des Stickstoffs 
der organischen Verbindungen auf dem Wege zur Bildung des 
normalen höchsten Oxydationsproduktes von der auf der fauligen 
Gährung beruhenden Ammoniakerzeugung bezeichnet wird. In- 
dessen ist diese Voraussetzung immer nur dann verbindlich, wenn 
der Standpunkt des naturkundigen Wissens keine andere Stick- 
stoffquelle für die Nitrifikation anzeigt, die plausibeler erschiene, 
als diejenige, welche der Stickstoff in organischer und in un- 
organischer Bindung und im freien Zustande in den Böden cirkuli- 
rend darbietet, worauf ich gleich hier vorgreifend hinweisen möchte. 
Vom Nahen zum Fernerliegenden führt der richtige Weg auch dieser 



— 12 — 

Problemsforschung nach dem Wesensgeheimniss eines Natur- 
processes, das mitnichten durch die Diskussion der Ergebnisse 
chemischer Versuche, anorganisch-chemischer Reaktionen allein 
bezwungen werden kann. 

Schon seit Langem hat das Erfahrungswissen gelehrt, dass 
Fäulniss eintritt, sobald das Leben in den pflanzlichen und thieri- 
schen Organismen erloschen ist, — dass diese Erscheinung jedoch 
ausbleibt, wenn die betreffenden Körper und Medien längere Zeit 
auf ioqo c. erhitzt werden. Ferner lernte man Bakterien kennen, 
welche eine ausserordentlich energische Sauerstoffabsorption durch- 
führen. Hierauf sprach L. Pasteur 1862 die Ansicht aus: 
dass das Studium der Nitrifikation wieder aufgenommen werden 
müsse unter dem Gesichtspunkte, welchen die neuesten Er- 
fahrungen über die Wirksamkeit der Mikroben der Verbrennung 
(Oxydation) darböten. Dieser Aufgabe widmeten sich Th. 
Schlössing und A. M ü n t z , und es gelang ihnen, durch eine Serie 
von subtilen Untersuchungen den Nachweis zu führen (1877 bis 
1879): dass die Ursache der Nitrifikation in der That in der 
-^J Entwickelung von Bakterien liegt, von welchen die Verbrennung 

des Ammoniaks und stickstoffhaltiger organischer Verbindungen 
besorgt wird. 2) 

Die Errungenschaften durch zwei Jahrhunderte eifrig be- 
triebener Forschung, der Werdegang der Sonderwissenschaft von 
den Gährungsvorgängen seit dem Auftreten G. E. Stahl's lassen 
Keine andere Entscheidung zu: das Charakteristische an den 
Fäulniss- und Verwesungsvorgängen, an der Nitrifaktion beruht 
in physiologischen Akten. 

So war denn die Auflösung des Räthsels der oxydirenden 
Wirkung der porösen kalkhaltigen Erden, das so viel Kopf- 
zerbrechen verursacht hatte, gegeben! Kurz, nach Landolt's 
Untersuchungen über die chemischen Umsetzungen im Boden 
i unter dem Einfluss kleiner Organismen ergab es im Jahre 1886: 
■" '' dass bei vollständiger Sterilisirung aller verwendeten Materialien 
niemals Salpeter entsteht, auch nicht in der Ackererde. 3) 
Hohe Temperaturen und die den Organismen im Allgemeinen 



2. Vergl. Compt. rend.: 84. 1. pp. 301— 303 ; 85. II. pp. 1018 — 1020. 
86. I. pp. 892—895; 89. IL pp. 891—894, 1074— 1077. 

3. Vergl. Tagebl. d. 59. Vers, deutsch. Naturf. u. Aerzte zu Berlin, 1886, 
p. 289. 



— 13 — 

verderblichen Chloroformdämpfe unterbrechen in den Salpeter- 
mikroben die für ihr Leben charakteristischen Vorgänge, bewirken 
Einstellung der Salpetererzeugung durch Abtödtung ihrer mikro- 
bischen Erreger. Die Oxydation . des Ammoniaks und .seiner 
Salze erfolgt in den gedachten Erden dann nicht, wenn man sie 
geglüht hat und dem durchstreichenden Gase Chlproformdämpfe 
beigegeben werden. Diese porösen Erden sind also nicht gas- 
verdichtend wie beispielsweise der Platinmohr, sie wirken nicht 
an sich nitrificirend, sondern einzig und allein durch die Lebens- 
äusserungen der Gäste, welche sie beherbergen, — der Nitrp- 
bakterien, die sich mit Voriiebe auf Kalk ansiedeln, weil der- 
selbe ihnen gegenüber sich als Alkah verhält, während schon 
die Gegenvvart von 2 — 3 p. mille an Alkalikarbonat genügt, um 
die Nitrifikation aufzuheben, Hierdurch wird auch der Vortheil 
des Gypsens.alkalihaltiger Böden verständlich; die in denselben 
neugebildeten schwefelsauren Salze begünstigen sogjar (bei 7 
und 8 p. mille in den humushaltigen Erden noch immer) die 
Nitrifikation. 

Allein unter den zahllosen Freunden der Naturwissenschaften 
sind immer doch nur wenige, die daran denken: dass Fäulniss, 
und Verwesung fundamentalste geologische Phänomene sind; und 
es sind selbst Diejenigen seltene Gäste, die sich herbeilassen, 
dem alltäglichen Nitrifikationsvorgange auf den Grund zu gehen. 
Der Process, welcher auf der ebengedachten so gewöhnlichen 
Aeusserung biologischer Kräfte in den einfachsten winzigsten 
lebensthätigen Zellen beruht, wird meistens vom exklusiv chemi- 
schen Standpunkt betrachtet, — das gemeinste chemisch-geolor 
gische Bodenphänomen in weitesten Kreisen noch immer grund- 
falsch aufgefasst. Was Wunder dann, dass man, an den von 
der Wissenschaft überholten Gesichtspunkten festhaltend, die 
Bildung des chilenischen Natronsalpeters für einen aparten Natur- \ 
Vorgang erklärt, für ein Phänomen, das nichts mit der in der 
Gegenwart in der Natur in den Böden beobachteten Nitrifaktion 
gemein hat; was Wunder dann, dass die führenden Geologen, 
die in ihrem Urtheil abhängig sind von den widerstreitenden 
Berichten vieler weitgereister Gewährsmänner, speciell für den 
Chilesalpeter garnichts übrig haben, dass die Studirenden und 
die Dilettanten aus den Lehrbüchern der Geologie so gut wie 
garnichts über den Hauptgegenstand unserer Verhandlung er- 



V 



— 14 - 

fahren! ... Es ist in wissenschaftlichen Abhandlungen schon 
manches über diese leidige Vieltheiligkeit der Meinungen unter 
den Autoren geklagt worden, ohne dass die wissenschaftliche 
Erläuterung unseres Paradigmas jedoch über das Niveau der 
Mantik und der persönlichen Geschmackssache emporgehoben 
worden wäre. Und wenn nun auch keine Theorie Gewissheit 
geben oder Vollkommeneres darbieten kann, als eine lediglich 
rauthmassende Entscheidung, so »behauptet doch alles, was man 
Hypothese nennt, ihr altes Recht, wenn sie nur das Problem, 
besonders wenn es gar keiner Auflösung fähig scheint, einiger- 
massen von der Stelle schiebt und es dahin versetzt, wo das 
Beschauen erleichtert wird.c — Die Aufgabe, das grosse Salpeter- 
problem derart zurechtzurücken, dass »man ihm auf neue Weise 
von anderen Seiten beikommen kann«, ist nun ebenfalls von A. 
Müntz mit dem herrlichsten Erfolge gelöst worden. 4) 

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Wirkung der 
atmosphärischen Elektricität in den Tropen keineswegs so be- 
deutend ist, dass man ihr die Bildung der Chilesalpetersäure zu- 
trauen dürfte (bekanntlich geschieht das noch immer in breiten 
Schichten unter Gelehrten und Laien), unterstützt von derThat- 
sache, dass die Gegenden, in welchen die Thätigkeit der atmo- 
sphärischen Elektricität eine bedeutende ist, keine Salpeterläger- 
stätten besitzen, endlich fussend auf den mit V. Marcano an 
zahreichen Salpetererden des tropischen Südamerika geführten 
experimentellen Nachweis, dass die in den Tropen so besonders 
energisch sich äussernde Nitrifikation einzig und allein durch den 
Einfluss mikroskopischer Organismen verursacht wird, — trat 
Müntz an das Problem der Entstehung der Chilesalpeterlager- 
stätten heran: »l'origine de l'acide nitrique contenu dans ces 
sels constitue certainement la partie la plus importante du 
Probleme.« 

In der That haben wir nicht den geringsten Grund voraus- 
zusetzen, dass der zur Hervorbringung des Chilesalpeters füh- 
rende Nitrifikationsprocess von dem in der Gegenwart überall auf 
der Erde beobachteten bedeutsamsten abweichend verlaufen sei. 
Müntz' Vorgehen war logisch richtig. Der kompetente Chemiker 



4. Vergl. Compt. rend.: 100, I, pp. 1136 — 1138; 101, II, pp. 65—68, 
248—250, 1265— 1267. 



— 15 — 

und Physiolog trat somit keineswegs für eine Umwälzung in den 
Anschauungen ein, als er (zur Synthese des Salpeterphänomens 
von Tarapacä und Atacama schreitend) das bakteriell biologische 
Moment in den Vordergrund der Betrachtung stellte. 

Es blieb also nur noch diese Frage zu entscheiden übrig: 
ob die in den Caliches (Caliche = Naturnatronsalpeter) enthaltenen 
jodsauren und bromsauren Salze sich durch die oxydirende Ein- 
wirkung von Bakterien auf Jodüre und Bromüre gebildet haben 
konnten, — sodass ihre »Existenz in diesem so anormalen Oxy- 
dationszustand, der nur von diesen Lagerstätten als in der Natur 
vorkommend nachgewiesen worden, dem Phänomen der Oxydation 
zuzuschreiben sei, welche zur Bildung des Nitrats Veranlassung 
gab; ist das Jod und das Brom hineinbezogen worden in diesen 
intensiven Oxydationsvorgang, welcher Wasserstoff in Wasser, 
Kohlenstoff in Kohlensäure, Stickstoff in Salpetersäure umwan- 
delt?« ... Müntz fand nun, dass während der Nitrifikation 
aus dem zugesetzten Kaliumjodür und Kaliumbromür Jod- und 
Bromsäure und die weniger saüerstoffreichen Verbindungen Unter- 
jod- und Unterbromsäure entstehen, ebenso wie man Nitrite 
neben Nitraten entstehen sieht (wir werden den Grund im fol- 
genden Abschnitt zu erörtern Gelegenheit finden). Unser Ge- 
währsmann beobachtete ferner, dass die Oxydation des Jods und 
Broms eine Parallelerscheinung der Nitrifikation ist, welche unab- 
hängig ist von der Salpetersäuregährnng an und für sich: sie 
schreitet fort, nachdem aller Stickstoff in Salpetersäure umge- 
wandelt worden und nur noch Kohlenstoffverbindungen vor- 
handen sind, auf deren Kohlenstoff und Wasserstoff die Mikroben 
den Sauerstoff übertragen können. Daher geht die Oxydation 
des Jods und Broms auch bei Abwesenheit der eigentlichen Ni- 
trifikationsvorgänge vor sich. 5) 

Wir haben uns davon überzeugt, dass die Ergründung des 
Geheimnisses der nitrificirenden Bodenvorgänge seit Langem her 
gerade in der Richtung der Bakterienwissenschaft vorwärtsge- 
drängt hatte. Es ist unter allen Umständen geboten, dass der 
Nicht-Zymolog sich zu der Lehre bekenne, welche von Fach- 



5. Vergleiche A. Müntz: Recher ches sur la formation des Gisements 
de Nitrate de Soude, in Annales de Chimie et de Physique: XI, 1887, pp. 
I"— 135. 



— i6 — 

männern, die auf dem Gebiete der den Ausschlag gebenden Hülfs- 
Wissenschaft der Geologie die Führung haben, anerkannt worden 
und mehr und mehr ausgebaut wird, — gegen welche trans- 
cendentale Gegenbehauptungen völlig machtlos sind. Die Be- 
sprechung der einzelnen für die Geologie wichtigen Bereiche- 
rungen, welche die neue Lehre durch die Forschungsresultate 
vieler bakteriengewaltiger Männer empfangen, würde in einer. 
Einleitung in die Geozymologie zu geschehen haben. Hier will 
ich indessen aus der glänzenden Schaar die Namen wenigstens 
einiger Forscher hervorheben, mit deren Ergebnissen über diie 
Aufklärung der nitrificirenden und denitrificirenden Gährungen 
wir uns häufiger zu beschäftigen haben, ausser Schlössing, 
Müntz, Winogradsky, Landolt: Hellriegel, Hüppe, Mar- 
chai, Stutzer, Wagner, Warrington. 

Durch die neuesten Untersuchungen Winogradsky' s^ 
Berthelot's und Anderer ist zur Thatsache erhoben wordeq^ 

V dass der Ausgangspunkt der Fixation des freien atmosphärischea 

Stickstoffs im Erdboden nicht bei den höheren Pflanzen liegt, 
sondern bei niederen Organismen, Gemischen von grünen Algen 

\j und mikroskopischen Pilzen, welche die vegetabilischen Erden 

bevölkern und den freien Luftstickstoff in gebundene Form über- 
fuhren (abgesehen von der Symbiose der Leguminosen mit 
Mikroben). 

Schliesslich haben wir noch daran zu erinnern, dass fels- 
zerstörende Mikroorganismen unter Eis und Schnee der Hochr 
gebirge von verschiedenen Forscherp beobachtet worden sirid. 
Diese nitrificirenden Mikroben wählen nicht etwa besondere Fels- 
arten aus, sondern »bedecken die verschiedensten Gesteinstypen.« 
(Wir folgen den Ausführungen A. Müntz':) Diese winzigsten 
Lebewesen, welche ihren Bedarf an Kohlenstoff und Stickstoff 
aus der Luft decken, eröffnen in der schrittweisen Zersetzung 
der Felsoberfläche den Reigen, den die verschiedenen meteori- 
schen Phänomene vorbereitet haben; sie umhüllen die Gesteine 
mit der ersten Humushaut. Während der kalten Periode gehen 
sie nicht unter, ihr Leben ist dann nur suspendirt. Müntz hat 
diese Nitromonaden vollkommen im Stande gefunden, ihre volle 
Thätigkeit wieder zu entfalten — nach Jahrhunderte dauerndem 
Schlaf unter Massen ewigen Eises, wo die Temperatur niemals 
höher als Nullgrad steigt. Die Lebensthätigkeit dieser Bakterien 



— 17 — 

ist keineswegs auf die nackte Felsoberfläche beschränkt, sondern 
verbreitet sich auch in die Tiefe der Gesteinsmasse auf den feinen 
Kapillarspältchen vordringend. »Wenn man bedenkt, wie schwach 
die Intensität dieser Phänomene ist, so ist man wohl geneigt ihre 
Bedeutung zu unterschätzen; indessen weist denselben ihre kon- 
tinuirliche Wirksamkeit und ihre allgemeine Verbreitung einen 
Platz an unter der Zahl der geologischen Kräfte, welchen die 
Erde ihr heutiges Antlitz verdankt.« ^) 

Mit gutem Recht also, — weil das Nitrat der salpeter- 
reichen Erden, der Kehrsalpeter, die salpetersauren Salze der 
Mistbeete und der ersten zarten Humusumhüllung der nackten 
Felsen unter dem Einflüsse einer Reihe von Organismen der 
Nitrifikation erzeugt wird, betonen wir unter den Elementen des 
den Chilesalpeter hervorbringenden Phänomens — die Gährwirkung 
von Spaltpilzen. Es ist nach all dem Vorgebrachten die orga- 
nische Lebenskraft, welche den Stickstoff durch »Mischung und 
Entmischung, Verbrauch und Ergänzung der Stoffe« im bestän- 
digen Kreislauf erhält; — und die Entwickelungsgeschichte der 
Erdfeste verzeichnet darüber nichts, dass die Natur mit diesem 
Element einmal anders laborirt habe. Schliesslich sind wir, — - 
die wir den Stickstoff auf seiner Wanderung von der Erzeugung 
der lebendigen Substanz anfangend durch die Proteinstoffe der 
höheren Pflanzen und Thiere hindurch wiederum durch die Pilz- 
zellen in den Luftocean und bis in's Nitratmolekül verfolgt haben 
— , zu der Ueberzeugung gelangt : dass, soweit uns die Kenntniss 
unserer Tage überhaupt Gewissheit geben kann, der Ursprung 
der Chilesalpetersäure im Stickstoffgehalt organischer Stoffe ge- 
sucht werden muss. Somit halten wir die jemals von der Natur 
erzeugte Salpetersäure, mit Ausnahme der in der Atmosphäre 
und bei Verbrennungsprocessen gebildeten Menge, (in der 
Hauptsache) für ein Produkt von Lebensvorgängen, welche ge- 
wissen Mikroorganismen eigenthümlich sind, vornehmlich für ein 
normales Endprodukt des gewöhnlichen Verwesungsvorganges. 



\' 



6. Vei^l. Compt. rend. iio. I. pp. 1370— 1372. 



— i8 



Definition des Begriffes und Ueberblick des Feldes 
der Geozymologie. 

Da wir in den einleitenden Absätzen die Schimmelpilze, die 
wilden Hefen und die Bakterien unter einer Rubrik vereinigt 
haben als »mikroskopische Pilze«, so fühlen wir jetzt das Bedürf- 
niss, die mannigfaltigen Lebensäusserungen so vieler nach Gestalt 
und Bau verschiedener Zellen in einem Ausdruck zusammenzufassen. 
Wir finden den gesuchten universalen Gesichtspunkt in der allen 
mikroskopischen Pilzen gemeinen geologisch-chemischen Tendenz 
der Zerlegung organischer Stoffe in einfachere chemische Ver- 
bindungen. Wir unterscheiden die Zersetzungen daher nicht nach 
chemischen Gesichtspunkten, ob sie, wenn von Schimmelpilzen, 
Hefen oder Bakterien verursacht, verschiedene Produkte liefern; 
aber wir nutzen unserm Zweck ebensowenig, wenn wir einen 
exklusiv biologischen Standpunkt einnehmen. Wir fassen daher 
aus Zweckmässigkeitsgründen, um das gewaltige Material den 
Freunden halogenetischer Studien dienstbar zu machen, die von 
den Mikroben erregten physiologisch-chemischen Reduktions- und 
Oxydationsprocesse als Gährungen zusammen, — wohl wissend, 
dass neuerdings von massgebenden Forschern dieser Terminus 
ausschliesslich für die von Gasentwicklung begleiteten Spaltungen 
organischer Stoffe reservirt wird. Wir verstehen hier also unter 
Gährungen im Allgemeinen: vegetative Umsatzprocesse, welche 
auf den Leistungen niedrigster Organismen beruhen, — der 
Gährungsorganismen, chlorophyllfreier einzelliger Protoplas- 
magebilde, »die sich selbst fortzuerzeugen und wesentlich zu ver- 
mehren im Stande sind«. Wir trennen die Gährungen in solche 
mit typischer Gasentwicklung, als Gährungen im engeren Sinne, 
und solche Spaltungen, welche von typischer Gasentwicklung 
nicht begleitet werden, oder Gährungen im weiteren Sinne. Unter 
geozymologi sehen Vorgängen begreifen wir dann Gährungs- 
erscheinungen, echte und diesen analoge zymische Processe; mit- 
hin zunächst einmal sämmtliche gährungsphysiologisch-chemischen 



_ 19 — 

Processe, durch welche unmittelbare geologische Wirkungen her- 
vorgebracht werden. Den Bakterien . kommt aber unter den, als 
^^.geologische Kräfte« primäre geologische Effekte yerurs9.phenden 
mikroskopischen. Pilzen der erste Rang zu ; aus dem unge^ähltein 
Heere der Bakterien jedoch greifen wir die saprophytischea.zymo- 
genen Spaltpilze heraus, auf welche (im Gegensatz zu den para- 
sitischen, durch pathogene oder chromogene Eigenschaften aus- 
gezeichneten) als die Urheber »mehr oder weniger heftiger Zer- 
setzungen verschiedener organischer Stoffe« der Geolog also sein 
Augenmerk vornehmlich zu richten hat. 

Wir kehren zu der Nitrifikation zurück. Die. Salpetererzeu- 
gung, welche in der Oberflächenschicht des Bodens erfolgt, 
geschieht durch eine Gährung im engeren Sinne (durch die re- 
ducirende Ammoniakgährung, Fäulniss, auch Ammonisation ge- 
nannt) und durch zwei Gährungen im weiteren Sinne (durch die 
oxydirenden Salpetrigesäure- und Salpetersäuregährungen, Nitro- 
sation und Nitratatipn genannt, Nitrifikation). Es ist hiernach 
evident, dass die Nitromonaden, die Salpeterbakterien^ nicht ini 
Stande sein können, die todten Pflanzen- und Thierkörper und die 
animalischen Auswurfsstoffe unmittelbar zersetzend anzugreifen. 
Es leuchtet aber auch ein, dass die Erreger der oxydativen 
Spaltungen, durch welche aus den komplicirten organischen 
Kohlenstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff-, Wasserstoff-, Schwefel-, Phos- 
phor- u. s. w. - Verbindungen schliesslich einfache anorganische 
Verbindungen hervorgehen, Kohlensäure, Salpetersäure, Schwe- 
felsäure, Pbosphorsäure u. s. w., die eigentlichen Minerali- 
satoren der in den abgestorbenen animalischen und vegeta- 
bilischen Substanzen in organischer Bindung enthaltenen Elemente 
sein müssen. Von den meisten Bakterien kann die Anwesenheit 
zersetzungsfähiger organischer Stoffe im Nährboden oder in den 
flüssigen Nährmedien nicht entbehrt werden; es ist das Vorhan- 
densein derselben sozusagen conditio sine qua non. Indessen 
giebt es unter den Bakterien gewisse Arten, welche sogar in 
Bezug auf diesen wichtigen Punkt, — der Bildung neuen Proto- 
plasmas aus den assimilirten Nahrungskörpern — , die allgemein 
gültigen Gesetze durchbrechen; und so haben wir hier die Ni- 
trobakterien als interessante Ausnahme zu erwähnen. Die Nitro- 
monaden, 7) deren Kenntniss wir S. Winogradsky verdanken, 

7. Vergl. Annales de Tlnstitut Pasteur, IV. 1890, pp. 213 fr., 257 fr., 760 fr. 



— 20 — 

sind in der That befähigt, anorganischen Salzen sowohl ihre 
Stickstoff- als auch ihre Kohlenstoffspeise zu entnehmen und — 
ohne Chlorophyll zu besitzen, — Kohlensäure zu assimiliren, wo- 
mit »das letzte fehlende Glied zwischen Thier- und Pflanzenleben 
gefunden ist«. 

Die Leistungsfähigkeit der Mikroorganismen, die Intensität 
ihrer Lebensäusserungen, die Menge der von ihnen ausgesonderten 
organischen und anorganischen chemischen Verbindungen an 
Gasen, Säuren u. s. w. ist nun ferner von mancherlei Bedingungen 
abhängig : so von der chemischen Zusammensetzung und der 
Temperatur der festen und flüssigen Nährböden, von der mine- 
ralogisch-chemischen Zusammensetzung und den physikalischen 
Eigenschaften der Bodenbestandtheile und der Bodenschicht in 
bezug auf Porosität, Durchlässigkeit für Luft und Gase, Permea- 
bilität; des weiteren davon, ob die mineralogischen und die or- 
ganischen Nährstoffe konstant zugeführt werden, oder ob diese 
Verhältnisse rasch oder langsam veränderliche sind, und in diesem 
letzteren Falle (durch Aenderungen der Lebensbedingungen) vor- 
her unter ungünstigen Verhältnissen existirende Pilze zum Nachtheil 
der bis dahin vorherrschenden Arten begünstigt werden, sodass 
sie die übrigen vorübergehend oder definitiv verdrängen oder 
gewisse Formen zu Abweichungen von ihren specifischenf Lebens- 
äusserungen zwingen (z. B. Jodsäure- und Bromsäuregährung durch 
Nitrobakterien; Vergährung der Bierwürze durch Weinhefe u. s. w.) 
Treten also Modifikationen der Existenzbedingungen, ein, welche 
einzelnen Arten der durch die bewegte Luft überallhin getrage- 
nen mikroskopischen Pilze schädlich sind, so werden dieselben 
entweder in ihrer Entwicklung nur gehemmt oder gehen sie^ 
falls sie nicht die gegen Trockenheit, Hitze, Feuchtigkeit und 
Kälte höchst widerstandsfähigen Dauersporen zu bilden befähigt 
sind, bei zunehmender Verschlechterung der Bedingungen zu 
Grunde. Die Anpassungsfa,higkeit der mikroskopischen Pilze an 
gewisse ihnen zunächst nicht zusagende Verhältnisse und die 
Fähigkeit, welche ihnen gestattet unter veränderten Bedingungen 
von der ihnen im Einzelnen eigenthümlichen verschiedene Gäh- 
rungen durchzuführen, erlaubt mehreren Arten zugleich sich auf 
demselben Substrat anzusiedeln. Die mineralogisch-chemische 
Zusammensetzung des Nährbodens und seine Reaktion ist in 
bezug auf die Vertheilung der Mikroorganismen von grÖ3S.ter 



Bedeutung; die eigentlichen Pilze sind in alkalisch reagirenden 
Böden nur schwach vertreten, während die Bakterien in denselben 
im Allgemeinen vorherrschen, erstere wiederum in sauren Böden 
zahlreich angetroffen werden (wo sie zur Mineralisirung des or- 
ganischen Stickstoffes beitragen). 

Die gedachten Bedingungen, Umstände, Eigenthümlichkeiten 
und das verschiedene Verhalten der Mikroorganismen gegenüber 
dem freien Sauerstoff — , (wonach in der Hauptsache obligate 
Anaeroben, fakultative Anaeroben und obligate Aeroben unter- 
schieden werden) — , bewirkten es offenbar: dass überall, wo 
diese Organismen an der oxydativen Zerlegung todter Thier- 
und Pflanzenkörper und thierischer Auswurfsstoffe arbeiten, 
immer ein Theil des Stickstoffs an die Atmosphäre abgegeben 
wird. Einmal darf ja nicht vorausgesetzt werden, dass die. Nitro- 
bakterien die ganze Menge des von den Fäulnisserregern ihnen 
zur Verfügung gestellten Ammoniaks und seiner Salze weiter- 
verarbeiten, und zweitens wird ja ein Theil des gebildeten Nitrats 
(weil wir es in der Natur immer mit Mikrobengemischen zu thun 
haben) durch denitrificirende Gährungen in Nitrit umgewandelt, 
die salpetrige Säure wiederum zu Ammoniak und zu freiem 
Stickstoff reducirt. Indessen fliesst der überflüssige Stickstoff- 
gehalt der Luft — wie ein Blick in die Bilanz des Stickstoffs 
ia der Natur zeigt, — zur Kompensirung des Verlustes der «Erde 
an gebundenem Stickstoff den grünen Pflanzen auf zwei Wegen 
wieder zu: theils durch die von verschiedenen Mikroorganismen 
in den Böden bewirkte Fixation des freien Stickstoffs und des 
in den unteren Schichten der Atmosphäre immer vorhandenen 
(zu einem bedeutenden Theil aus der Zersetzung mariner Orga- 
nismen resultirenden) Ammoniaks und seiner in die Luft auf- 
steigenden oder in dieselbe vulkanisch exhalirten Salze, anderen- 
theils durch das elektrisch gebildete Ammoniumnitrat der At-, 
mosphäre, welches in den feuchten Niederschlägen mit den übri- 
gen Stickstoffverbindungen vereinigt auf die Erde gelangt. 

Im Vorübergehen sei es erwähnt, dass die Anaeroben. 
Kohlensäure bei Sauerstoffabschluss abspalten, ein Vorgang, 
welcher den Atmungsprocess vertritt; dagegen streben die agroben 
Formen dem Sauerstoff zu, weil ihnen obliegt, die Stoffwechsel- 
produkte ihi-er Lebenshelfer, der anaeroben Organismen, mit dem 
Sauerstoff der Luft in Verbindung zu bringen, zum Zweck der. 



— 22 — 

vollständigen Verbrennung'. Hierdurch ist die Vertheilung der 
Hauptklassen der Bakterien durch die Böden gegeben: die ana- 
eröben F^ormen lieben etwas feuchtere Erden, während die 
Aeroben sich in den trockeneren obersten Bodenschichten ansie- 
deln (beispielsweise die Nitrobakterien). Daher gedeihen anaerobe» 
den freien Stickstoff der Luft assimilirende Bakterienvegetationen 
nur dann in gut durchlüfteten Böden, wenn sie in Symbiose, in 
Gesellschaft gewisser durch einen starken Sauerstoffv^erbrätrch 
charakterisirter Formen auftreten. Wie ausserordentlich ver- 
wickelte Vorgänge sich — dem Aiige unbemerkbar — beständig- 
in den Böden abspielen, ermessen wir schon hieran: dass wir 
lediglich das Schicksal der leichtzersetzKchen stickstoffreichen 
Eiweisskörper (Proteinstoffe, Albuminstoffe) verfolgt haben, ohne 
die ebenfalls von Bakterien durchgeführte Fettspaltung (auf welche? 
die Bildung verschiedener in den Stickstoffguanos enthaltener 
organisch-chemischer Verbindungen zurückzufiihren ist, und vor 
anderen die des Petroleums) und den Zerfall der Cellulose 
(Sümpfgasgährung, Vermoderungs-, Verkohlungsprocesse) zu be- 
rücksichtigen. Ja die geringsten Schwankungen in den von einer 
gewissen Lokalität den Mikroorganismen gewährten Existenz- 
bedingungen verändern sofort das Bild dieser Vielzähl von nebert 
oder nach eiiiailder erfolgenden Vorgängen, welche — in ein- 
ander ' greifend, — die einzelnen Lebeiisthätigkeiten zusammen 
vorkommender Mikroben direkt oder mittelbar fördern, hemmen 
öder sistiren. 

Was nun das Licht anbetrifft, so übt dasselbe ini Allge- 
meinen einen hinderlichen Einfliiss alis auf däV Wafchsthuiri der 
Bakterien (mit wenigen Ausnähmfen, welche CliröHiöphyll' enY^ 
hattlen); die NitrobalctVrien flirchtört das Lieht',- nibhtsdestoweiiiger 
bexi^ii-kert sie — ÖbWbHl chloro|)hyllo^b Ol^äHismiert, — ihr^ 
Synlhese aus der itoHlensäure det^ LufV und' aäidrgkniscH^r Vef- 
bihdungeri. 

Da wir es' nach den aiigestelltfen Bettä'clitilri'gfeif für aüs- 
geJsählossen halten müssen', dass den ISfitrciBälctferieii' je irgendwo 
ein kotitinuirtiches ÖJitiriiiim der WädlifelhiiriisbedfhgüHgen^ ^^tiii 
der Natur dargeboten worden' ist, Weil wir ^HIÖittö^lr die ÜrfUfer^- 
zeugiitig axisöprecheiV mUskern, dass die' V^rwesuri'gsvöi-gärig^* i'A' 
keirii^r Geg^nW deV VVeltf die^ ganze- näöi'^ diu iVi^m xnb^likW 
Säifietenflertl^e sbhüVfeiV so* darf hier in d^r Eriäüterüffg d^*- 



— 23 — 

Chilenitratproblems nur von einem Ueberwi^en der nitrogene- 
tischen Tendenz in den vor geologischen Zeiten die organischen 
Stoffe zerlegenden Spaltungsprocessen die Rede sein. In Hin- 
sicht dann der wechselseitigen Beziehungen der Schimmelpilze, 
Hefen und Bakterien unter einander und zu den ihnen ver- 
wandten Algen, und in besonderer Hinsicht des Abhängigkeits* 
Verhältnisses unter verschiedenen Bakteriengruppen, — welche 
Verhältnisse sich wegen des Vorkommens der die Geologen 
vorzugsweise interessirenden Bakterien in Mikrobengemischen 
höchst verwickelt gestalten und daher nur in vergleichsweise 
sehr wenigen Fällen genau haben verfolgt werden können: so 
scheint uns hierin und in der enormen Anpassungsfähigkeit 
dieser winzigsten Organismen und ihrer Wandelbarkeit in be- 
zAxg auf die von ihnep verrichtete geochemische Arbeit für die 
Freunde dieser Studien eine Warnung zu liegen vor wohU 
feilem Theoretisiren und Analogisiren in den Specialissimis. Es 
hat für uns nichts Ueberraschendes oder Unverständliches mehr: 
dass nicht überall dort, wo abgestorbenes organisches Material = 
der Fäulniss anheimfallt, Salpeterbildung erfolgt, da wir wissen, 
dass die Nitrifikation nur an solchen Stellen eingeleitet und* 
durchgeführt werden kann, — wo die Err^er der Salpeter- 
säuregähruug ihren Lebensanforderungen entsprechende Bedin« 
gungen vorfinden» die ihnen sich anzusiedeln erlauben, sich ge- 
deihlich zu entwickeln und sich lebhaft zu vermehren. 

In Zukunft muss denjenigen, welche die Forderung unserer 
Zeit, sich mit dem Gegenstande dieser Verhandlung bekannt zu 
machen, nicht haben erfüllen können, Gelegenheit geboten wer- 
den, die Gesammtheit der auf dfcm von den Geologen noch 
wenig angebauten Felde beobachteten» Erscheinungen mit freiem- 
Blick zu umfangen. Inzwischen eilen wir, die Unermesslichkeit' 
der kontinuirlichen Minetalschüttung durch die mannigfaltig ver- 
ketteten Lebensthätigkeiten der allgegenwärtigen Mikroben in^einer 
kurzen Uebersicht etwas zu verfolgen. 



Um die Versündigungen der geologischen Litter^tur — 
auqh nur derjenigen den letzten zehn Jahre -r-. gegen die von* 
uns in dieser Kompilation gewürdigt^i .W^hrheitjen, um. jede 
Missacbtung des unbenutzt gelassenen Besitzes, im l&inzelm^* 
naohzuweisea* und. zu verbessern,, dazu erforderte es. wohl eines 



- 24 — 

starken Bandes, und die Fülle des Stoffes verbietet uns schon, 
etwas tiefer einzudringen in die neuesten Errungenschaften, ge- 
schweige denn in die hochinteressante Geschichte der Gährungs- 
wissenschaft und im Besonderen der in der Zymurgie wurzelnden 
Erkenn tniss des Mechanismus der oxydativen Spaltungen der 
organischen Stoffverbindungen und der Nitrifikation. Aber wir 
wollen uns im folgenden Abschnitt hier und dort wenigstens 
einen Augenblick an die Vergangenheit halten, da selbst der 
kürzeste historische Rückblick unter Umständen gewinnbringend 
ist für das Verständniss der Lehre von den physiologisch-chemi- 
schen Bedingungen der Bildung von Mineralien u:id Gesteinen 
(oder Gebirgsgliedern) durch die unmittelbare und ausschliessliche 
Einwirkung von zymogenen Organismen oder durch mikrobische, 
namentlich bakteriell biologische Einflüsse als mitwirkende geolo- 
gische Faktoren. 

Ueber die gedachten geozymischen Phänomene liegen 
aus den Wüsten und Steppen Nordchiles und Boliviens noch 
keine Untersuchungsresultate vor; aber die logische Entwicklung 
der geochemischen Lehre im gegenwärtigen Jahrhundert von den 
mineralchemischen Primitien bis zur Kulmination in der zymolo- 
gischen Erläuterung geogenetischer Phänomene benimmt uns 
jeden Zweifel an der Existenz von Mikroben in den bezeichneten 
Gebieten, zahlreicher Mikroorganismen sogar, welche den bereits 
untersuchten und für geologisch höchst wirksam erkannten Formen 
an praktisch geologischer Leistungsfähigkeit sicherlich nicht nur 
nicht3 nachgeben werden, sondern vielleicht sogar noch über- 
treffen dürften. 

Auf den Einwurf eines Freundes: »ge^en die Berechtigung 
der von Ihnen aufgestellten Frage lässt sich sicherlich nichts 
einWiCnden. Ich sehe nur nicht recht, wie sich der Fall (die 
Erzeugung des Chilesalpeters durch Nitrobakterien) direkter Be- 
obachtung zugänglich machen lässt. Heute die Mikroben in den 
Wüsten suchen zu wollen, hiesse doch wohl, das Fernrohr zu 
früh mit dem Mikroskope vertauschen,« welche Einwendung die 
Meinung vieler tüchtiger Naturforscher wiederspiegelt, weiss ich 
keine andere Antwort — als den Hinweis auf das in diesen. 
Blättern zusammengetragene Material . ; . . und wer würde heu- 
tigen Tages von den Vorkommnissen kohlensauren Alkalis im 
sumpfigen salzigen Gelände oder durch den aüffälHgen Gehalt 



— 25 — 

gewisser Quellwässer des Binnenwüstenlandeß an den interessanten 
Begleitsalzen des Natronsalpeters — an jodsauren und brom- 
sauren Verbindungen wohl nicht angeregt werden: die geologische 
Thätigkeit von mikroskopischen Pilzen und Algen in den stehen- 
den und fliessenden Gewässern, in den heissen Quellen und — 
in den urbaren Steppenböden zu muthmassen! in der wüsten 
Einöde und in der wilden Bergeinsamkeit die Existenz von 
Mikroorganismen vorherzusehen, — und wollte er nur das Eine 
zugeben, dass die Mikroben im lethargischen Zustande der 
Aenderung der Bedingungen harren, welche ihre Lebensthätigkeit 
unterbrechen. 

Wenn es uns gelingt, die aus dem geologischen Studium 
der verschiedenen Salpetervorkommnisse und der. älteren halö- 
chemischen Technik geschöpften allgemeinen Gesichtspunkte ohne 
Zwang in Uebereinstimmung zu bringen mit den Ansichten, 
welche die modernen Physiologen und Agrikulturchemiker gut- 
geheissen h^ben, so steht es nach Menschenwissen schon jetzt 
in unserer Macht: uns eine zeitgemässe Vorstellung zu machen 
von einem auf die Fäulniss und Verwesung pflanzlicher und 
thierischer stickstoff'haltiger organischer Substanzen beruhenden 
Vorgang der Chilesalpeterbildung. Wir werden folgern dürfen, 
dass dieser für so sehr problematisch gehaltene Nitrifikations- 
process ein intrakontinentaler Vorgang war, der unter keinen 
Umständen für eine Massenproduktion von Nitrat aus mächtig 
aufgestapelten proteinhaltigen Resten des organischen Lebens 
ausgegeben werden darf, — und dass der Gedanke fem bleiben 
muss, dass dieser Process sich auf den heutigen Salpeterlager- 
stätten selbst abgespielt habe. ... Wenigstens was die theore- 
tische Erläuterung des Nitrifikationsprocesses anbelangt, so ist 
über diese Frage upd verwandte Probleme durch still vorüber- 
gehende? unbeirrte Forschungen vor den Freunden der Steppen- 
und Wüstengeologie so. helles Licht ausgegossen worden, dass 
der^ Schwerpunkt in der Betrachtung dieser Phänomene der Vor- 
zeit eine endgültige Verschiebung erfahren hat von rein (an- 
o?ganisch-)chemjschen auf biologisch-qhemische Gesichtspunkte. 
. ': Das riesige Hinterland im Osten der heutigen Salpeter- und 
Salzkantone mit seinen Vulkanen, seinen Mineralquellen und Salz- 
depots verschiedener Zusammensetzung ist ohne allen ; Zweifel 
ein Jphnendes ; Arbeitsfeld für die -mit halogenetischen Studien. 



— 26 — 

engfverwandten Bakteriologen. Unberührt liegt es da! Für den 
besonderen Zweck bedürfte es freilich eigens ausgedachter Unter- 
suchungsmethoden .... und die Sache ist unter allen übrigen 
Gesichtspunkten schwierig. Aber ganz unfraglich dürfte man 
von einem solchen Unternehmen interessante Bereicherungen für 
die Geozymologie, für die chemische Geologie erwarten. Es ist 
sogar erlaubt, sich ein Zukunftsbild auszumalen, das neben dem 
die Herde furchtbarer Epidemien und die Böden wenig bekannter 
Gebiete untersuchenden Forscher auch den Bakterienzüchter zeigt, 
wie er im Verein mit geistesverwandten Geologen und Chemikern 
sein ambulantes Laboratorium vom Meeresgestade durch die 
Wüsten und Steppen bis in die Wildniss der Andenvulkane 
hinaufrückt .... Das hiesse allerdings, modernste Geologie 
treiben ! 

Ohne alle Untersuchung steht es auf Grund einer philo- 
sophischen Betrachtung fest: dass die Feuerberge seit dem Be- 
ginne ihrer Aufschüttung von Wucherungen felszerstörender Mi- 
kroben überzogen worden sind; und es bedurfte wahrlich nicht 
der Auffindung koprophiler Bakterien, um zu beweisen, dass 
schon zur Permzeit die thierischen organischen Auswurfsstoflfe 
von Bakterien zersetfct wurden. — 

Wie anders verlaufen nicht die von organischen Kräften 
bestimmten chemischen Reaktionen mineralbildender Processe in 
Wirklichkeit, als man in der Erläuterung der (nicht als solche 
erkanntien mikfobischen physiologisch-chemischen) Phänomene, auf 
anorganisch-chetnische Grundsätze pochend, im allgemeinen zu 
folgern pflegt! Pie unzutreflfenden Vorstellungen, welche in 
wissenschaftlichen Abhandlungen über Gegenstände der gährungs- 
chemischen Geologie offenbart wercjen; dürften nun ihren Ud- 
sprutig vornehmlich in der Gepflogenheit der Autoren haben, die 
Lehrbücher d&r Geologie von gährungswissenschaftlichen De- 
finitionen (selbst der grundlegenden BegriflTe) überhaupt zu ent^ 
lasten. Indessen* geschieht dieses heute doch wohl nur kon- 
ventiondl, indem etwas absolut Unbestreitbares einer umständ»- 
lichen> Erklärung nicht mehr bedarf, und man ohne Schaden zu 
verursachen': die mikroskopischen Erreger dieser Vprgäuge un- 
genannt, unemvähnt lassen mag ^^ w^nn man die Bedingungen 
g«iau. kennt,- unüer welchen» die einzelnen biologisch-chemischen 
Proöösse in? der N«eur ausgelöst werden; erfolgen doch die Funk- 



— 27 — 

tiorien der Mikroorganismen nach denselben physikalischen und 
chemischen Gesetzen, welch« die Umsetzungen und Bewegungen' 
inri unorganischen Reiche bestimmen. 

Die Erscheinungen, welche an den mikroskopischen Pilzeft. 
währgenommen werden, sind nun von besonderen Bedingungen 
abhängig, da sie auf chefnischen Umsetzungen der Bestandtheile ' 
der organisirten Substanz selbst beruhen. 

Unsere Voreltern, die von diesen Dingen noch nichtö 
wussten, — wenngleich sie merkwürdige dunkle Ahnungen Von' 
denselben hatten — , haben bdspielsweise den chemischen Ver- 
lauf des salpeterbildenden Boden Vorganges — als aus der Fäulniss* 
organischer Substanzen entspringend und über die Bildung von- 
intermediärem Kalksalpeter gehend — absolut richtig erklärt. 
Sie hatten eben nicht ihren Geist befragt, sondern sich aufs 
Beobachten gelegt ■— und der Natur schliesslich ihr Geheimniss, 
ihr Verfahren abgelauscht; daher finden wir ihre Angaben voll- 
kommen im Einklänge mit den wissenschaftlichen Neuentdeckungen' 
der Bakteriologen und Gährungschemiker. Was nurt die Sal- 
peterkultivätoreh anbetrifft, so wussten sie unter anderem: dass 
der Sälpeter eine »matricetii haben müsse, welche mit einef 
terra caldaria verseheh sei«, ürid sie gewännen den »vollkommenen 
Sälfieter« durch Hinzüfüguilg: kohlensaurer und schwefelsaurer 
Alkalien zii den Laugen des »rohen« oder »wilden« Salpeters 
(das »gdrhfeine Salz' dSucHte ihnen zu diesetn Endzwecke etwas 
zu kostbar«); ferner a^^ ihnen der hinderiichcf Einfluss det 
Wuch^riitigdfi von- Scfhimriidpilzen, Schwämnien, auf den' Gati^ 
der' NitHfikaBori' bfelknttt. . . . Alles- emfiirisch- eriangte Keilht- 
niäse voti Nätürvörgäilgeri, d^fefi Grtindürsache (wie wir uns er- 
inh'^rti); zuerst vöri' A. M-üritz im Einzelnen riacHgewifeseri 
wofdeti' ist. 

' üebrigen'^ wird' kein mit den Bfedih^rigen' der Salpefef- 
bildiihg aus den' Restfeil' di^s" orgähischeti Leberis, kohliertSaürem 
KäJk- üHd^ AlkäHS^alz'^h^ Vertt'äuteV auf die Veritiüthüng geratHeh ' 
könnrii, di^' Nitriftkä6t>ri^ Wet^e gif fade \?öa Alkäliböden' be^ 
gürt^tiit; ~M*^ii dem äljl' ErtUHftinpii \ttidfei!sprecheh. 

Sb ii^*^ deiiii- flir die Erläuterüh]^ def ähgedcfutet'ett^ Nattii*: 
Vorgänge der jeweilige Stand der Gährungschemüe' als Mülfs- 
Wi^seHSiHkft-dferG^olöglg mässgfebtod. Jedoch; dfeös ^>e1n(iy neuen 
Währh'^itf liitÄfe' sehädlibH6r ist, als ein altüi* Trithum,« dä^ er- 



— 28 — 

kennt man an dem ablehnenden. Verhalten der Mehrzahl der 
Gebildeten gegen die neuen Gesichtspunkte. Aber freilich ist 
die Bakteriologie eine sehr junge Wissenschaft, deren Beziehungen 
zur. lithogenetischen Geologie dem grossen Publikum unseres 
wissenschaftlichen Theaters unbegreiflich erscheint, weil es über 
den Zusammenhang der Naturerscheinungen nicht genügend unter- 
richtet ist, weil es mit dem — was es bruchstückweise aufgelesen 
über die eigenthümlichen Wirkungen der Mikroben — nichts 
rechtes anzufangen weiss. — Wir wollen jetzt die Beziehungen, 
welche die organischen Kräfte mit den gewöhnlichen physika- 
lischen und chemischen Kräften beständig, unterhalten, um kom- 
plicirte geologische Phänomene hervorzubringen, die man im all- 
gemeinen für willkürlich ausgelöste einfache anorganisch-chemische 
Processe hält, von einer höheren Warte aus betrachten. 

In der That ist es schon garnicht möglich, über die Er- 
fassung der Ursache und des Wesens, der in den Böden ge- 
schehenden fauligen und Salpetersäure-fGährungen hinaus — die 
in Sümpfen und Gewässern, im Meeres- und Seeschlamm er- 
folgende Entwicklung von Gasen -(wie von Ammoniak, Kohlen- 
säure, Schwefelwasserstoff, Phosphorwasserstoff), die Entstehung 
der Koprolithen, des Ammoniakguanos und d^r aus den letzteren 
durch Vergasung, Verflüssigung der organischen Bestandtheile 
und Auslaugung der Zersetzungsprodukte hervorgehenden Fels- 
phosphate, des Petroleums aus den Fettverbindungen der Orga- 
nismen, — die Vermoderung, Sumpfgasentwicklung und Ent- 
stehung der Kohlen, des weiteren die Bildung von Schwefel- 
metallen in einer den wissenschaftlichen Anforderungen der 
Gegenwart genüge leistenden Weise zu erklären, ohne zugleich 
der specifischen Wirksamkeit bestimmter Bakterien zu gedenken. 
Ein Gleiches gilt die Entstehung zahlreicher Massenabsätze koh- 
lensaurer und schwefelsaurer Salze, ferner die Morasterzbildung. 
Die Kenntniss der unausweichlichen Bedingungen, unter welchen 
diese Gährwirkungen erregt werden, gewährt — ganz unbeschadet 
der Richtigkeit der reinchemischen Interpretation solcher mine- 
rogenetischer Processe in besonderen fällen — Einblicke in die 
Bildungsvorgänge sogar gewaltiger Minerallagerstätten, ganzer 
Gebiigsglieder. 

Zur Erzeugung aller derjenigen geologischen Phänomene, 
welche zum organischen Leben in irgendeine unmittelbare oder 



— 29 — 

mittelbare genetische Beziehung zu bringen sind, müssen Mikro- 
organismen beigetragen haben, und da gilt diie Frage schliesslich 
sämmtliche phytogenen und zoogenen Sedimentgesteine. Weiter 
ausholend haben wir unter den Kräften, welche zum Exempel 
die Bildung des Gesteinsschuttes, des Laterits, welche die aeoli- 
sche Sedimentation vorbereiten — neben den Atmosphärilien und 
der niederen Pflanzenwelt auch die mikroskopischen Pilze aufzu- 
führen. 

Betrachten wir die von dem Heere der Pilze und Bakterien 
hervorgerufenen Phänomene im Zusammenhange : verdient da nicht 
jeder Mikrob, der sich an der Zerlegung der organischen Stoffe 
betheiligt, der die abgestorbenen pflanzlichen und thierischen 
Substanzen, den lebenden thierischen Körper angreift, das Inter- 
esse des Geologen?! — jeder Mikroorganismus, der aus der 
Weiterverarbeitung der Produkte des allgemeinen biologisch-che- 
mischen Zerstörungsprocesses der Organismenreste seine Lebens- 
kraft schöpft; jedes niedrigste Lebewesen, das — die aus 
diesem stetigen Zerfalle hervorgehenden einfacheren Verbindungen 
zum Aufbau seines Körpers brauchend — durch seinen eigenen 
Lebensprocess auf Substanzen mineralischen Ursprunges chemisch 
einwirkt; kurz: sind nicht im Grunde genommen sämmtliche 
mikroskopische Pilze — als Schimmelpilze, Hefen, Bakterien 
(zymogene, chromogene und pathogene Bakterien) — geologische 
Potenzen, indem sie die Kreislaufbewegung der Materie betreiben?! 

Die Erzeugung der Salpetersäure aas dem Stickstoffgehalt 
der grünen Pflanzen und der Thierwelt zum Schlüsse noch ein- 
mal unter geozymologischen Gesichtspunkten betrachtend : leuchtet 
es da nicht ein, dass — wo immer und wann immer die Natur Stick- 
stoffspeise für die höheren Pflanzen — Salpeter — erzeugte, — 
sowohl die Mikroorganismen der Fäulniss als auch diejenigen der 
Nitrifikation in der Kette der diese stetige Zersetzung durch- 
führenden Organismen ihren Platz unter allen Umständen aus- 
gefüllt haben müssen, um den Chilesalpeter hervorzubringen?! . . . 
und dieses um so mehr, da alle originellen gegentheiligen Be- 
hauptungen über das Wesen des in der Natur weitestverbreiteten 
Nitrifikationsvorganges auf Täuschungen beruhen, welchen sich 
die Forscher bei ihren Untersuchungen hinsichtlich der Zuver- 
lässigkeit ihrer Vorsichtsmassregeln hingegeben hatten! . . . 

Demnach durften wir, mit dem heutigen durchaus Vertrauens- 



— 30 — 

werthen Rüstzeug der massgebenden Naturforschung das Problem 
angreifend, allerdings hoffen: ihm jenen Hochreiz des völlig Un- 
erklärlichen zu rauben, der ihm — trotz Müntz — noch immer 
anhaftete und der weiteste Kreise mit hypnptischem Z^iuber an 
aprioristische Deutungen fesselt. Die Mineralisirung des Stick- 
stoffs im Chilesalpeter bietet kein geochemisches Geheimniss mehr 
dar. Eine Option für unbegreifliche fermentartige, physikalische 
und anorganisch-chemische Bodenwirkungen als Ersatz für das 
wunderbar planvolle Zusammenspiel reducirend und oxydirend 
wirkender organischer — bakterieller — Kräfte ist] jetzt gleich- 
bedeutend mit Selbstverbannung aus dem Kreise der exakten 
Naturforschung. Die Geologen können auf diesem Felde des 
Beirathes von Externen, der Anleitung durch geniale Pfadfinder 
auf dem Gebiete der gährungsphysiologischen Chemie nicht ent- 
behren. 

Hier angelangt wünsche ich, dass es mir gelungen sein 
möge, meine Absicht zu erreichen: von der geologischen Lebens- 
thätigkeit der Mikroorganismen meinen Freunden eine höhere 
Meinung zu erwecken, als die landläufige, nach welcher: die 
»kleinen Dinger«, welche in den Ackerböden »zur Zerstörung 
der organischen Substanzen beitragen«, in der Diskussion geo- 
logischer Räthselfragen nicht erwähnt werden dürfen. 

Die Streitfrage möge nicht weiter verschoben werden, es 
sei denn man wäre in der Lage, durch Experimente beweisen 
zu können : dass der natürliche Zerfall der eiweisshaltigen Pflanzen- 
und Thierreste ein nicht biologischer, nicht bakterieller Vorgang 
ist. Bis dahin möge man die Mikroben ruhig mit in den Kauf 
nehmen ! 

Im Rückblick auf die vorgebrachten Betrachtungen fallen 
mir die Abschiedsworte Lessing's an den Leser ein: 

»Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt. 
Mein Leser, nichts des Dankes werth gefunden: 
So sei mir wenigstens für das verbunden. 
Was ich zurückbehielt.« ^) 



8. Eine Einleitung in die Geozymologie zu schreiben, wurde nicht beab- 
sichtigt. Wir haben nur das, was gesagt werden musste um einen allgemeinen 



— <3i — 



Die neuesten Theorien 

und die dem gegenwärtigen^tande des Naturwissens 

entsprechende Antwort auf die Frage nach der 

Entstehung der ChUesalpeter-Lagerstätten. 

Ohne Mikroorganismen keine Salpetersäure aus den stick- 
stoffhaltigen Ueberresten des organischen Lebens; — ohne Nitro- 
bakterien kein Chilesalpeter. So weit hat A. Müntz die grosse 
Räthselfrage gefördert, bis dahin hat er die Wissenschaft geführt: 
dass es für die Bildung der Salpetersäure sämmtlicher — der 
unmittelbaren Beobachtung zugänglicher — Nitratvorkommnisse 
nur eine Erklärung giebtl Ja es ist dem nüchternen mit That- 
sachen operirenden Denken evident, dass — analog der Bildungs- 
weise der ungarischen, indischen, aegyptischen, spanischen, nord- 
amerikanischen und der übrigen Vorkommnisse salpetersaurer 
Salze, des Mauersalpeters u. s. w. — die Salpetersäure der nord- 

Üeberblick zu geben, vorgebracht, und so verweise ich dankeifrig auf die wichtigste 
Litteratur, aus welcher ich geschöpft: 

Julius E. Thausing: die Theorie und Praxis der Malzbereitung und I^ier- 
fabrikation. III. verb. Aufl., Leipzig, 1888, Cap. II, Abthlg. A: die Theorie 
der Gährung. 

W. Migula: die Bakterien, Leipzig, 1891. 

A. Mayer: Lehrbuch der Agrikulturchemie. IV. verb. Aufl., Heidelberg, 
1895, II. Theil, I. Abthlg. — die Bodenkunde; III. Abthlg. — die Gäh- 
rungschemie. 

C. Gtinther: Einführung in das Studium der Bakteriologie. Leipzig, 1895. 

P. Baumgarten: Lehrbuch der pathologischen Mykologie. II. Aufl., Braun- 
schweig, 1895. 

Ausserdem Originalbeiträge oder ausführliche Referate, siehe: 

Jahresbericht für Bakteriologie und Parasitenkunde, 

Jahresbericht über die Fortschritte in der Lehre von den pathogenen Mikro- 
organismen, 

Naturwissenschaftliche Rundschau, 

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft u. a. naturwissenschaftliche 
Zeitschriften. 



J 



— 32 — 

chilenischen Salzlager ein von Mikroorganismen secernirtes StofT- 
wechselprodukt sein muss. Eine Grossthat der Natur, vollbracht 
durch die winzigsten Lebewesen auf die unscheinbarste Weise 
im Verlaufe sehr langer Zeiten, für deren Bestimmung uns der 
chronometrische Massstab fehlt. 

Es sind somit zwingende Gründe, die uns dahin treiben: 
uns bei den Gährungschemikem, Bakteriologen, Agrikulturchemi- 
kern zu Gast zu laden, — überzeugende Motive, die durch kriti- 
sche Velleitäten nicht erschüttert werden können. 

Wir haben uns darüber unterrichtet, dass Müntz zwei 
Kardinalfragen mit unwiderleglicher Sicherheit beantwortet hat: 
welche Stelle nimmt das nordchilenische Salpeterphänomen in 
einer zusammenhängenden Reihe von Naturerscheinungen ein? 
und wie erfolgte die Bildung des Natronsalpeters? — Mit der 
dritten Fundamentalfrage: — welchem unvermeidlichen Natur- 
zwange gehorchend, entstand die ungeheure Massenablagerung 
von salpeterhaltigen Salzgemischen in Nordchile in den Wüsten- 
provinzen Atacama und Tarapacä? — werden wir uns im Folgen- 
den beschäftigen. 

Da nun mein Urtheil in dieser Frage nicht ausschliesslich 
auf Bücherwissen beruht oder auf einseitiger Betrachtung der 
Calichelagerstätten allein, sondern weil dasselbe durch eine un- 
beeinflusste Anschauung weiter Steppen- und Wüstengebiete ge;- 
festigt ist, so beanspruche ich das Prärogativ: die Ueberlieferungen 
entwirren zu dürfen, sowohl die vor meinem direkten Umgange 
mit dem Problem in den Nitratwüsten, als auch die nach dieser 
Zeit geleistete wissenschaftliche Arbeit »sine ira et studio« auf 
die Stichhaltigkeit der darin vorgebrachten Behauptungen prüfen 
zu dürfen. 

Wer jedoch — ohne die Verhaltnisse an Ort und Stelle 
überlegt zu haben — den Verlauf der Nitrifikation und der Lager- 
stättenentstehung auf grund seiner Büchergelehrsamkeit richtig 
darstellen zu können hofft, der setzt sich den nicht unbedeuten- 
den Gefahren aus, welche ich durch die Aufzählung der beach- 
tenswerthesten Symptome des in der Speciallitteratur herrschenden 
Chaos andeuten will. 

Es sind Autoren aufgetreten, welche — um die Chilesalpeter- 
säure von der Natur erzeugen zu lassen — oxydirende Gasaus- 
strömungen verlangten, während Andere dem Einflüsse der atmo- 



— 33 — 

sphärischen Elektricität die Verbindung des Stickstoffs und des 
Sauerstoffs zuschrieben; Einzehie redeten der Einwirkung orga- 
nisirten Sauerstoffs auf atmosphärisches salpetrigsaures Ammoniak 
das Wort. Wiederum finden wir Gewährsmänner, welche für die 
Oxydation des freien Stickstoffs der Luft eintreten, und für die 
Oxydation des atmosphärischen sowie des unmittelbar aus dem 
Fäulnissprocess herstammenden Ammoniaks. Ferner wurde die 
Einwirkung vulkanischer Ereignisse auf marine Produkte unter 
Oxydation des Borsäureexhalationen begleitenden Ammoniaks in 
Anspruch genommen, und es ist von der Einwirkung faulender 
mariner Pflanzen auf das morsche natronhaltige Gestein des in 
Zersetzung begriffenen Küstengebirges geschrieben worden; in- 
dessen begnügte sich nur Einer mit der langsamen Eindampfung 
von Salzseen. Aber mit erdrückender Majorität stimmen Gelehrte 
und Laien für die aus dem Südwestquadranten einherfahrenden 
Seeorkane, welche enorme Tangmassen ans Gestade geworfen 
haben sollen, durch deren Verwesung Salpetersäure erzeugt wurde. 
Des weiteren hören wir von der massenhaften Salpetererzeugung 
auf riesigen Binnenlandansaramlungen von Guano um Salzbecken 
herum, — wie denn überhaupt von Guanos des Wüsteninlandes 
häufiger die Rede ist (die jedoch in genetischer Hinsicht voll- 
kommen verkehrt gedeutet zu werden pflegen). Noch einmal 
kommen die Südwestwinde zu Ehren bei einer cyklonischen Auf- 
bereitung des Seevogelguanos der Küste, der durch die Wind 
Wirkung in zAvei mineralogisch-chemisch verschiedene Trennungs- 
produkte geschieden worden sein soll: in den specifisch schwe- 
reren und stationären Phosphatguano und in den specifisch leich- 
teren Ammoniakguano, welch letzterer — von den Sturm wirbeln 
erfasst, über das Küstengebirge hinweg in die salzigen Lagunen- 
becken des Binnenlandes eingeweht — den Anstoss zur Nitrifi- 
kation gegeben habe. Jedoch muss hervorgehoben werden, dass 
man der Thätigkeit des fliessenden Wassers schon zu Anfang 
dieser Forschung eine wichtige Rolle zuerkannte: die Auslaugung 
der Salze aus dem in Zerstörung begriffenen Gebirge, und im 
Anschluss hieran die Akkumulation der Salze in Bodenniederungen 
durch den aufsteigenden Kapillarstrom. Auch ist nachzuholen, 
dass die Mineralisirung des Stickstoffs der Meeresalgen — ebenso 
wie des von Säugern und Vögeln herrührenden Guanos nach der 
Ansicht des einen Gewährsmannes durch bakteriell biologische 



/ 



— 34 — 

Vorgänge, nach der Meinung anderer Gelehrter wiederum durch 
(nicht näher erläuterte oder überhaupt unverständliche, für die 
einzelnen Theorien besonders appretirte) Fäulniss- oder Verwe- 
sungsprocesse vermittelt worden sein soll. 

Eine unangenehme Wahrnehmung für jedermann, der seiner 
Sache nicht ganz sicher ist, — diese denkwürdige Uneinigkeit 
in der Auslegung der Kardinalpunkte: 

über die StickstofTquelle der Chilesalpetersäure; 
über die Auffassung des innersten Wesens der Nitrifikation 
(ganz abgesehen von der Meinungsverschiedenheit über die 
durch dieselbe verursachten rein -chemischen Umsetzungen) 
— ob dieser Naturvorgang unter allen Umständen für eine 
ins Gebiet der unorganischen Chemie fallende spontane Oxy- 
dation zu erklären sei oder — wenigstens in denjenigen 
Fällen, wo es sich lediglich um die Erzeugung von Salpeter- 
säure aus abgestorbenen stickstoffhaltigen organischen Sub- 
stanzen handelt, — für einen Process, der von verschiedenen 
in Symbiose Hand in Hand arbeitenden Bakterien eingeleitet 
und durch successive Weiterbehandlung ihrer mikrobischen 
Stoffwechselprodukte durchgeführt wurde (also für einen nur 
in seinen Wirkungen chemischen Process); 
über die Nothwendigkeit der Mitwirkung verschiedenc:r, deiik- 
barerwerse die Nitratbildung ermöglichender, vorbereitender, 
einleitender Phänomene — und 
über die direkte Provenienz und das geologische Alter der 
Salze, welche die Natron- und Kalibasis und die Begleitsalze 
des Chilesalpeters stellten; 
Uneinigkeit schliesslich über den geologischen Zeitumfang der 
Aera des in Frage stehenden Nitrifikationsprocesses . . . 
Durch diese ausserordentlichen Differenzen in den Meinungen 
wird (namentlich im Hinblick auf die Popularität der Algen- 
theorie Nölln er* s) eine tiefliegende Unsicherheit aufgedeckt. Es 
bedarf in der That einigen Umganges mit der sichtbaren Natur 
der Salpeterherde und einiger theoretischer Vorbereitung, um 
auf feste Grundlagen bauen zu können. — Wem erschiene da 
die . Aufgabe nicht lohnend, durch zwanglose Erklärung der geo- 
chemischen Steppen- und Wüstenräthsel die Frage der Entschei- 
dung näher zu bringen : ob überhaupt oder in wie weit wenigstens 
unsere derzeitige Kenntniss von der geologischen Entwicklung der 



— 35 — 

Salpeterprovinzen und ihres andinen Hinterlandes es gestattet, 
das von drei Forschergenerationen verdunkelte weitere Problem 
der Chilesalpeterbild uiig aufzuhellen?! ... Im steten Werden 
der Wissenschaft konnte es sich im Hinblick auf die mangelhafte 
geologische Untersuchung der weiten Gebiete und die Unklarheit 
über die Natur des gewöhnlichsten Nitrifikationsvorganges nur um 
die Erlangung einer während einiger Zeit für fehlerfrei geltenden 
Synthese des Phänomens handeln, indem die Erklärungsversuche 

— durch die Umstände bedingt — einen mehr oder weniger 
dilettantischen Charakter tragen mussten. Indessen verdient der aus 
so sehr verschiedenen Theorien hervorleuchtende Muth der Ueber- 
zeugung volle Anerkennung und richten die Ausschreitungen eines 
überscharfen Kritikers sich Selbst. Es trifft für das Ganze dieser 
Bestrebungen — bis zum Jahre 1894 — das Wort Göthe's zu: 
dass es in wissenschaftlichen Dingen schon nützlich sei, jede 
einzelne Erfahrung, ja Vermuthung öffentlich mitzutheilen . . ., 
tmd so haben auch diejenigen Theorien indirekt (durch Anregung 
zum Nachdenken) zur Auflösung des Räthsels mitgewirkt, deren 
Beweiskraft bei einer gründlichen Analyse darin zusammenschmilzt : 
dass der Chilesalpeter aus vorwaltendem Natronnitrat neben Kali- 
und Kalknitrat besteht und zußamnien vorkommt mit verschiedenen 
theils konstanten, theils accessorischen Begleitsalzen in den un- 
regelmässigsten Mischungsverhältnissen. 

Rufen wir uns die im ersten Abschnitte gedachten Unter- 
suchungsergebnisse Landolt's aus dem Jahre 1886 zurück! 

Im Jahre 1893 veröffentlichte A. Müntz zusammen mit H. 
Coudron über die Ammoniakgährung die Resultate ihrer neu- 
•esten mit sterilisirten Bodenarten angestellten Versuche über 
Ammoniakgährung: dieselben bestätigen, dass die Ammoniak- 
bildung in den Böden nur unter dem Einflüsse von Mikroben 
erfolgt. ... 

Wenn sich die Salpeterschriftsteller hierauf bemühen möchten, 
ihre Schlüsse über den Mechanismus des fraglichen Nitrifikations- 
vorganges auf keine andere Weise zu ziehen, als aus beobachteten 
Thatsachen, so kann die jeweilen im Uebrigen bestehen bleibende 
Täuschung auf den ferneren Gang dieser Räthselforschung un- 
möglich mehr verhängnissvoll einwirken. Dann wird es — so- 
vv^eit überhaupt auf Grund der Plausibilität erkannt werden darf, 

— stets ein Leichtes sein, auf unmittelbarer Anschauung der 

8* 



- 36 - 

Natur beruhende verfehlte Deutung der Dinge VoUkommnercm 
anzupassen, der Summe der bereits erkannten immer neue un- 
umstössUche Thatsachen hinzuzufügen. 

Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass in natur- 
forschenden und naturliebenden Kreisen das Verständniss des 
kausalen Naturzwanges in der Einleitung und Durchführung zahl- 
reicher geochemischer beziehungsweise geodynamischer Processe 
durch organische Kräfte, durch mikroskopische Pilze, dass der 
Umfang und die Bedeutung der Lebensthätigkeit namentlich der 
ohne Unterlass ringsumunsherum wirkenden zymogenen Bakterien 
philosophisch noch immer nur recht wenig erfasst wird. Im 
Wesen der Frage aber lag es begründet, dass es nicht erst der 
Specialarbeit Müntz* über die Entstehung der Natronsalpeter- 
lagerstätten bedurfte, um die Agrikulturchemiker von der führen- 
den Rolle der Bakterien unter den zur Hervorbringung dieses 
grossartigen Phänomens zusammenspielenden Kräften zu über- 
zeugen. Wer aber vor einem anders zusammengesetzten Forum 
die Ansicht ausspricht, das chilenische Salpeterproblem sei hin- 
sichtlich seines geochemischen Geheimnisses bereits vor Jahren 
richtig gestellt worden durch die Förderungen der Gährungs- 
chemie, der überzeugt sich bald, dass zwanzig Jahre der Ver- 
vollkommnung des zymologischen Naturwissens noch nicht genügt 
haben, um selbst nur den kleinen Verein der Specialforscher zu 
einer gründlichen Selbstunterrichtung über den Kern der Sache 
zu verpflichten. Daher nahmen Le Feuvre und Dagnino eine 
Ausnahmestellung ein, als sie sich zu der zymologischen Er- 
klärung des grossen Nitrifikationsgeheimnisses bekannten 9). In- 
dessen muss erwähnt werden, dass diese Autoren Agrikultur- 
chemiker sind! 

Kurz hierauf, im Jahre 1895, wurde das, was unsere kleine 
Gemeinde von den auf Bakterienwucherungen beruhenden geolo- 
gischen Effekten zu wissen glaubte, durch den Ausspruch eines 
Gelehrten zu einer Monomanie degradirt; merkwürdigerweise 
durch den Ausspruch eines Phytobiologen. . . . Achtzehn Jahre 
nach der endlichen Erforschung des in der Natur irgend einen 
Salpeter durch Gährung hervorbringenden Processes, eines der 
fundamentalsten der geologischen Chemie, — nachdem ein und 
ein halbes Jahrzehnt der allmählichen Befestigung der bakteriell 



9) Vergl. »El salitre de Chile c, Santiago de Chile, 1893. 



— 37 — 

biologischen Erläuterung der nitrificirenden Bodenvorgänge ver- 
flossen war: bezweifelte Otto Kuntze »die Nothwendigkeit 
der Mikroorganismen bei der Salpeterbildung. « ^oj »Wenn diese 
im Stande wären, Salpetersäure zu veranlassen, so müsste der 
Salpeterprocess ein weitverbreiteter sein. Aber dies passt nicht 
zur Bildung des natürlichen Salpeters in erheblichen Mengen.« 
Da Pflanzen nach der Meinung dieses Gewährsmannes »so stick- 
stofiarm sind, dass sie niemals in natura Salpeter liefern,« so 
hält er die von den Guanacos und LIamas und deren Verwandten 
in der Diluvialzeit »auf steinigen Boden oder Wegen in der Nähe 
von Bächen auf Miststellen, nur auf bestimmten Haufen c abge- 
legte Losung dieser Thiere, — »deren reinlichen Gewohnheit 
wir die Entistehung des Chili-Salpeters verdanken« — , für die allein 
diskutable Salpetersäurequelle. »Durch den Genuss von Salz- 
wasser dürfte wohl der Lama-Mist und Urin schon im Leibe 
salpeterhaltig werden« — n, s. w. Diese Proben genügen, um 
zu erhärten, dass gegen die Art und Ausfuhrung der Kuntze'- 
schen Hypothesen Widerstand erhoben werden muss. Man 
stolpert sozusagen über Unrichtigkeiten inbezug auf agrikulturche- 
mische, beziehungsweise geozymologische Dinge in den weiteren 
Ausführungen Kuntze* s; uns aber interessirt vornehmlich das 
Eine: wie der Autor zu falschen Voraussetzungen und zu so fal- 
schen Schlussfolgerungen gelangen konnte. 

K u n t z e urtheilt nicht auf Grund eigener Beschäftigung 
mit der gährungschemischen und bakteriologischen Litteratur, 
sondern gestützt auf eine von Dr. Huth") citirte Vermuthung 
Frank 's ^2). Jagg bgj j^r allgemeinen Oxydation des Ammoniaks 
im Erdboden gerade dieser und nicht die Mikroorganismen das 
Thätige seien, — ein anorganischer Process, vergleichbar der 
nitrificirenden Wirkung, welche Platinschwarz zeigt! ... Dem 
Dr. H u t h waren die von uns herangezogenen Resultate 
Schlössing's und Müntz*, auch Landolt's unbekannt ge- 
blieben; Herrn Kuntze jedoch entging ferner alles was seit 1886 
bis 1894 entdeckt und öffentlich verhandelt worden ist, was im 



10) Vergl. Geogenetische Beiträge. Leipzig, 1895, pp. 18-T-23 (Entstehung 
des Chilesalpeters). 

11) Vergl. über die Einwirkung der Organismen auf die Bildung der 
Mineralien. In Sanlmlg. naturw. Vorträge, Berlin, l888, pp. 9 — 11. 

12) Ber. d. deutsch, boian. Ges. Bd. IV. p. C X VII. 



- 38 - 

gleichen Masse dem Halogen etische Studien treibenden Botaniker 
wie dem Geolog Freude am Verständniss der zymischen minero- 
genetischen Phänomene hätte erwecken können. 

Man erkennt an dem Beispiele Kuntze's, dass die um- 
fangreiche gährungschemische und bakteriologische Litteratur für 
den mit ihren Hauptgegenständen Ungewohnten unter Umständen 
recht unbequem werden kann, weil sie infolge der raschen 
Ueberholung der unhaltbaren Aufstellungen im bunten Wechsel 
und Aufeinanderfolge von Vorschritt und Rückfall in der Heraus- 
bildung der modernen Anschauungen während der letzten vierzig 
Jahre reich geworden ist an verhängnissvollen Klippen — für 
alle diejenigen, welche sie ohne Kenntniss der Entwicklungs- 
geschichte der Zymologie in der Diskussion geologischer Probleme 
willkürlich konsultiren. Freilich ist die Unbekümmertheit der 
auf die Lösung geöchemischer Räthselfragen ausgehenden For- 
scher um die Errungenschaften, deren wir im Vorübergehen im 
zweiten Abschnitte gedachten, nicht entschuldbar, indessen be- 
greiflich: sind doch die Nicht-Bakteriologen und Nicht-Gährungs- 
chemiker vorläufig noch immer gezwungen, aus dem den Un- 
vorbereiteten schwer verständlichen und auch schwer zugäng- 
lichen Bücherschatze mehr oder weniger auf gut Glück zu 
schöpfen. Es fehlt an einer für weitere Kreise allgemein ver- 
ständlichen Beleuchtung der Quellen in einer übersichtlichen Be- 
arbeitung des zymologischen Materials, das ja auch zum Vortheil 
der Geologen, des Lagerstättenmannes, gehäuft wird. Vorläufig 
entbehren wir noch immer einer Einführung in das zymologische 
Kapitel der Geochemie. Der Mangel an einem Vademekum 
durch dieses wichtige und reizvolle Grenzgebiet ist inzwischen 
fühlbar geworden : der Uneingeweihte geräth, wie wir soeben 
wahrnehmen mussten, leicht auf Irrwege schon beim Befragen 
der um zehn bis fünfzehn Jahre zurückdatirenden Litteratur. — 
Nun sind die Bereicherungen der Geologie durch die Gährungs- 
chemie von den Geologen durchaus nicht übersehen worden; 
in der That zählen wir schon einige Werke (wie Johannes 
Walther's Einleitung in die Geologie), einige verstreute Auf» 
Sätze und Referate, in welchen die Betheiligung von Bakterien 
an mineralerzeugenden Naturprocessen von Geologen rückhaltslos 
anerkannt wird. Allein der Anfänger, der Dilettant, der Ge- 
legenheits-Geolog kann aus derartigen Beiträgen, in welchen 



— 39 — 

die Verfasser mit den Bakterien als bekannten Grössen rechnen, 
keinen Gewinn ziehen. — Was ist zum Beispiel von den rühmend 
erwähnten Entdeckungen Müntz' in das grössere Gebildeten- 
publikum gedrungen?! In den neuesten Lehrbüchern der Geo- 
logie ist in der That hier und' da schon die Rede von seinen 
felszerstörenden Bakterien; dagegen verlautet von der eminent 
wichtigen Rolle, welche unter den organischen Kräften nament- 
lich die Nitrobakterien in der Oekonomie der Natur spielen, 
noch immer fast garnichts. Aber genau genommen, so dürfte 
es eigentlich niemandem mehr ein Geheimniss sein: dass von 
der gemeinsamen Arbeit der Geologen und der Gährungschemiker 
die gründliche Aufhellung noch vieler geogenetischer Probleme 
erwartet werden darf. Vielleicht gilt auch hier, was nach Göthe 
bei so vielen andern menschlichen Unternehmungen gilt: dass 
nur das Interesse Mehrerer auf einen Punkt gerichtet etwas Vor- 
zügliches hervorzubringen im Stande sei, — sodass es vielleicht 
dem engeren Bündnisse der bezeichneten Forschergruppen vor- 
behalten geblieben ist, mehrere geologische Geheimnisse aufzu- 
decken, deren wirklicher Tiefe wir uns noch nicht inne ge- 
worden sind ... 

Was dann den Erklärungsversuch Kuntze's im Uebrigen 
inbezug auf die hier citirten Gedanken des Reisenden anbetrifft, 
so ist derselbe offenbar viel zu exklusiv. Es leuchtet ohne wei- 
teres ein, dass er mit Unrecht so gering denkt von der natür- 
lichen Salpeterproduktion aus todten Pflanzenkörpern, wenn man 
sich der interessanten Untersuchungen Demoussy's erinnert, 
durch welche nachgewiesen worden, dass die während trockener 
Zeiten abgestorbenen Pflanzentheile ihren — als Reservestoff in 
der Form von Nitraten in ihren Organen aufgespeicherten — 
Stickstoff zurückhalten, während in einer feuchteren Periode die 
so ausserordentlich löslichen salpetersauren Salze den Blättern, 
Wurzeln, Stengeln durch das Wasser sofort entzogen werden, 
da kein lebendes Protoplasma mehr vorhanden ist, welches die 
Nitrate »mit seiner der chemischen Affinität vergleichbaren Ener- 
gie« zurückzuhalten vermöchte. Es leuchtet ohne weiteres ein, 
dass während der die Chilesalpetersäure erzeugenden Aera die 
ganze Flora und die ganze Fauna — den Nitrobakterien genau 
ebenso wie in der Gegenwart tributair, — den salpeterbildenden 
Process versorgt hat. Es ist keine Frage, dass der nordchileni- 



/ 



— 40 - 

sehe Salpeter zu einem nicht unbedeutenden Theile von unter- 
gegangenen Vegetati'^nen abgeleitet werden muss. Der geringste 
Wasserabfluss aus vegetabilischen Erden entzieht diesen bestan- 
dig Nitrate. Der von Klimaschwankungen im Sinne der Unter- 
suchungsrcsultate Demoussy's geübte Einfkiss ist inbezug auf 
die hier in concreto zu nehmenden Verhältnisse der erdgeschicht- 
lichen Vergangenheit der nordchilenischen und bolivianischen 
Hochsteppen sofort ersichtlich, wenn man an die dortigen Funde 
unter Flugsand und Flugstaub bedeckter Dörrleichen von Mimo- 
sen denkt, — derselben, von welchen das Gerücht durch die 
Litteratur umgeht, dass sie halb verkieselt seien. '3) 

Zum Abschied von diesem interessanten Gegenstande wollen 
wir auf die Erzeugung de^ künstlichen Salpeters durch unsere 
Voreltern einen Blick werfen. Die Salpetersieder, die alten Em- 
piriker der Salpeterkultur, gaben den rascher verweslichen Sub- 
stanzen aus dem animalischen Reiche freilich den Vorzug, indessen 
verwendeten sie zur Erzeugung des Salpeters aus dem vegetabi- 
lischen Reiche : Kräuter, Unkraut, Küchenkräuter, Laub, Stengel, 
Sprösslinge, Bohnen-, Buchweizen- und Erbsenstroh u. s. w., fau- 
les Obst, faule Kürbis und faule Rüben u. s w. und »alle ande- 
ren faulenden Dinge aus dem Gewächs-Reich«, Ferner erfahren 
wir aus des Herrn »Georg Ernst Stahl Allgemeiner Grund- 
erkänntniss der Gährungskunst«, dass an der Unterelbe Meeres- 
algen zur Düngung der Gartenerde untergepflügt wurden, wodurch 
der harburger Salpetertechniker C. Nöllner vielleicht in seiner 
Meinung bestärkt, möglicherweise darauf gebracht wurde: dass 
die Bildung der Chilesalpetersäure auf die Transformation des 
Algenstickstoffs zurückzuführen sei. 

. . . Mit gutem Recht erachten wir die Ergebnisse der von 
Autoritäten auf dem Gebiete der physiologischen Chemie nach 
den neuesten Methoden und mit den neuesten Mitteln mit der 
grössten Exaktheit ausgeführten Untersuchungen für festerkannte 
Thatsachen, mit denen der Geolog zu rechnen hat. Indessen 
muss alles, was auf diesem weiten Felde über die Grenze der 
Anregung hinausliegt, dem kritischen Takt des einzelnen For- 
schers überlassen werden. 



13. Das so called fossil wood auch dead wood der englischen Autoren 
= lefta en estado semi-fosil der Spanier = auf deutsch: quasi — versteiner- 



— 41 — 

Damit zum Ernsten sich das Heitere geselle, hat J. A. Silva 
von der komischen Ernsthaftigkeit Einiges mitgetheilt, mit wel 
eher die Bedeutung eines weiblicHen Emaille-Medaillonbildnisses 
aufgebauscht worden, das auf dem Salpeterfelde von San Jorje 
de Perea in einer Teufe von 2,75 m in einer normal ausgebil- 
deten Caliche-Schicht vollkommen von Salpeter umschlossen im 
vorigen Jahre beim Abbauen des Flötzes entdeckt wurde. H) — 
Man hat in der Salpeterregion von Iquique demnach in Erwä- 
gung gezogen: ob das Bild (Emaille auf Kupfer) nicht vielleicht 
Kunde gäbe von der vormaligen Existenz einer bisher unbekannten | / 
hochcivilisirten Rasse, welche lange vor dem Anrücken der Kon- 
quistadoren, — ja Hunderttausende von Jahren vor der Entstehung 
der Salpeterlagerstätten in Südamerika einheimisch — , die Emaille- 
kunst in den Salpeterherden ausübte. Unser Gewährsmann aber 
fand in der Haartracht und im Sei nitt des Gewandes, welches 
das Frauenbildniss zeigte, Anklänge an die Mode, welche um 
das Ende des XV. Jahrhunderts in Spanien herrsehte. Dieser 
Meinung, dass ein Geschmeide aus dem XV. — XVII. Jahrhundert 
vorliegt, kann ich beim Betrachten der vorzüglichen, in natür- 
licher Grösse ausgeführten Photographie des Bildes (welche ich 
der Güte des Herrn W. Hansen -Iquique verdanke) aus zwei 
Gründen nicht beistimmen : einmal dürfte das unter so merkwür- 
digen Verhältnissen gefundene Medaillonbild, dessen Einzelheiten 
mich an die Tracht während der romantischen Epoche zu An- 
fang unseres Jahrhunderts erinnern, nach dem Urtheil einer Au- 
torität im Kunstgewerbe höchstens um das letzte Drittel des 
XVII. Jahrhunderts gefertigt worden sein, — dann aber darf 
nicht ausser Acht gelassen werden, dass die eigentliche Emaille 
auf Metalle erst zu Anfang des XVI. Jahrhunderts entdeckt wor- 
den ist. . . . Wir haben es somit ofifenbar mit einem Andenken 
aus dem XVI.— XVIII. Jahrhundert zu thun, welches, — von 
einem Wüstenreisenden verloren, — von einer aus den Anden 
in den alten Trockenstrassen plötzlich in die Hochebene zwischen 
Anden und Küstengebirge hereinbrechenden »avenidasc (katastro- 



tes Holz, welches in sogenannten Holzininen vorkommend, im Betriebe der Sal- 
petersiedereien und Hütteneiablissements u. s. w. erschöpft worden ist. Jetzt wird 
nur noch wenig g« funden. 

14. »El Medallon de San Jorje de Perea c ; gezeichnet 24. Oktober 1895; 
vorliegend im Ausschnitt aus der Zeitung »El Tarapaqueflo < , Iquique. 



— 42 — 

phischen Wildwasserergüssen) erfasst, in das von den Fluthen 
überzogene Calichebecken eingeschwemmt wurde, wo es der 
durch die Verdunstung des Wassers sich wieder ausscheidende 
Salpeter einhüllte. Bekanntlich werden diese in dem grossen 
Längsthal vornehmlich als »avenidäs de Uoclla: (lloclla, eine 
Quichua- Vokabel, bedeutet Schlamm) als von Salzen geschwän- 
gerte Schlammströme auftretenden Wildfluthen zuweilen den Sal- 
peterwerken gefährlich; im Winter i8g4 fügten sie namentlich 
unter 25 — 26 ^ S. Br. den .Eisenbahnbauten bedeutenden Scha- 
den zu. 

Konnte die Theorie Kuntze's nicht befriedigen, so verdient 
die Ansicht seines wissenschaftlichen Antipoden, des Dr. William 
Newton, wenn auch keine rückhaltlose Zustimmung, so doch 
einigen Beifall. '5) 

W. Newton spricht das aus, was einige hundert Nicht- 
Zymologen glauben; Dr. Kuntze's Voreingenommenheit gegen 
die Bakterien, die Erhalter des organischen Lebens auf der Erde, 
wird jedoch von Hunderttausenden getheilt; aber noch immer 
sprechen und schreiben Millionen Gebildete die Ansicht C. NöU- 
ner's ^) gedankenlos nach, — welcher zufolge der Chilesalpeter, 
durch die Verwesung von Meeresalgen gebildet, für ein Geschenk 
des Meeres gehalten wird. 

Dr. Newton bekämpft die Nöllner'sche Theorie und 
wendet sich energisch gegen die Vermuthung (welche ebenfalls 
zahllose Anhänger hat): dass die Caliches ihren Ursprung Guano- 
Massenablagerungen zu verdanken hätten. Er hält seine Ent- 
gegnung: dass in der Salpeterformation oder in der Nähe der 
Salpeterlagerstätten Meeresmuscheln oder andere auf eine vor- 
malige Meeresbedeckung hinweisende Reste, »sea debris«, selten 
seien, für einen unüberwindlichen Einwurf gegen die Seetang- 
theorie. Allein — mit einer derartigen an einem inneten Wider- 
spruch leidenden Behauptung wird er den alten Irrglauben nicht 
wegfegen; er wird ihn dadurch nur noch stärker befestigen, in- 
dem das Wörtchen »selten« die durch nichts bestätigten Ver- 



15. Vergl. Dr. William Newton, F. j. C, F. C. S. etc. »The origin of 
Nitrate in Chili<. London, 1896. Derselbe >E1 origen del Nitrato de Soda« in 
el »Nacional« No. 1846 und in der »Patria« vom 29. Februar 1896 ; »The origin 
of Nitrate in >The Chilian Times«, Valparaiso, No. 1305. u. a. mehreren a. O. 

16. Vergl. Journ. f. prakt. Chem. CII, 1867, pp. 459 — 464. 



— 43 — 

muthungen der Anhänger jener »neuzeitlichen Meeresbedeckung« 
der Salpeterherde zu nähren geeignet erscheint. — Wen es inter- 
essirt, zu erfahren : wie diese das Bedürfniss des gebildeten Pub- 
likums nach Mystik wundervoll befriedigende neuzeitliche Meeres- 
bedeckung entdeckt wurde, der lese nicht nur den Aufsatz John 
H. Blake's, '7) sondern der suche den Schlüssel zum Geheimniss 
in einem Artikel A. A. Hayes* ^), aus welchem auf das deut- 
lichste hervorgeht: dass Blake die Bestätigung seiner Behauptung, 
— dass recente Meereskonchylien (minute fragments of shells) 
sowohl im Hangenden als auch im Liegenden der Salpeterlager 
vorkämen, — einzig und allein infolge einer von ihm selbst aus- 
geübten Suggestion von Hayes' erlangte! . . . Alle die spä- 
teren Nachrichten von der Auffindung der Reste seltener oder 
recenter Meeresmuscheln in der Salpeterformation, welche wir 
bis auf die letzten Jahre herab zu registriren hatten, lassen sich 
auf diese eine Urquelle zurückführen, — auf die Aeusserung 
Hayes': er habe die erdigen Beimengungen einiger Salpeter- 
muster, welche von verschiedenen Lagerstätten herstammten, auf 
das Sorgfältigste untersucht — und gefunden: dass die über- 
wiegende Menge des erdigen Materials aus Bruchstücken fein 
zerpulverter Muschelschaalen bestände. Ein brauner Mergel, 
wie man beim Schlämmen von Sandsteinen beobachte, 
bilde den Rückstand. Dieser Befund unterstütze die 
Schlussfolgerungen Dr. Blake's! — Blake war eben 
in dem Glauben seiner Zeit befangen : als er die grosse centrale 
Längsebene, die Pampa del Tamarugäl, deren Steppencha- 
rakter ihm auf seiner Wüstenfahrt nicht verborgen bleiben konnte, 
für einen jugendlichen Meeresboden hielt. Charles Darwin 
wiederum liess sich im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit Blake's 
mystificiren und hob das Kind, die neuzeitliche Meeresbedeckung 
der Salpetersalzwüsten, — wenn auch mit recht gewundenen 
Worten — aus der Taufe. ^9) Das Urtheil D arwin's war aber 
den Epigonen Grund genug, den wegen seiner Skepsis und wegen 



17. Silliman's Americ. Journ. XLIV (I. ser.) 1843, pp. i — 12. 

18. Silliman's Americ. Journ. XXXIX (i. ser,) 1840, p. 375 ff. 

19. Bekanntlich fehlte Darwin die Zeit zur Anstellung eigener Beob- 
achtungen und Untersuchungen : in sechs Tagen besuchte er von Iquique aus die 
Silbergruben von Huantajaya und Santa Rosa — und segelte er in den 
Hafen von Callao. 



— 44 — 

seines Einwurfes gegen die Meinungen Blake's und Darwin 's 
unangenehm auffallenden Wm. Bollaert einfach todtzuschweigen, 
obgleich dieser Mann im Verein mit Geo. Smith Unübertroffenes 
und daher auch Allgemeingut Gewordenes über die Geographie, 
Mineralogie, Geologie, über die Wasserbewegung im Wüsten- 
untergrunde u. s. w. in einer Serie von Artikeln und in seinem 
bekannten Werk 1860 veröffentlichte. 20) Bollaert also, der 
die Provinz Tarapacä gegen Ende des zweiten Jahrzehnts un- 
seres Jahrhunderts durchstreifte und seine Untersuchungen in den 
fiinfziger Jahren fortsetzte, der diese Region studirt hatte wie 
kein Anderer — weder vor ihm noch nach seiner Zeit — hatte 
ausdrücklich erklärt : dass er die Meereskonchylien, von welchen 
Blake berichtet habe, nicht habe auffinden können, weder auf seiner 
ersten noch auf seiner zweiten Reise ! (Wir wissen den Grund). 
Dessen ungeachtet glaubte A. Raimondi, der grosse Rei- 
sende, (1878) noch immer an das Vorkommen der so häufig 
angerufenen Blutzeugen der postkretaceischen, ja quartären Meeres- 
fluthen. Kein Wunder also, dass NöUner, der die Salpeter- 
wüsten niemals mit eigenen Augen gesehen hatte, 1868 seine 
Seetangtheorie in die Welt setzte — und dass das Gebildeten- 
publikum heute keine andere Erklärung des Salpeterräthsels 
kennt. 21) 

Es kommen nun in den Salpeterwüsten in der That recente 
Muscheln vor, zum Theil in nicht unbedeutenden Mengen, da 
dieselben z. B. in den Amalgamationswerken zum Kalkbrennen 
und zu verschiedenen anderen Zwecken verwendet wurden: in 
meiner Sammlung bewahre ich etliche echte Meeresmuscheln auf, 
welche — im Centrum der Salzwüste Tamarugäl gefunden — 
deutlich erkennen lassen, dass sie für die Herstellung von rohen 
Schmuckgegenständen der Ureinwohner bestimmt waren. . . . 
So viel von den Muscheln! Was aber Nöllner anbetrifft, so 



20. Antiquarian etc. Researches. London, 1860. 

21. In der Nöllnerschen Theorie tauchte vielleicht eine latente Erin- 
nerung an längst überholte Ideen unserer Voreltern in neuer Form wieder auf: 
möglicherweise sind jene das Stille Meer empörenden Westorkane weniger eine 
überraschende Erfindung NöUner's, als ein nur scheinbar unabhängig gefasster 
Gedanke. Joh. Gott fr. Pietsch hatte es freilich schon 1750 ausgesprochen: 
dass die Windthätigkeit in den zur künstlichen Salpetererzeugung getroffenen Ein- 
richtungen weder die Ablagerung noch die Vermehrung des Nitrats bewirke. 



— 45 — 

muss unbedingt zugegeben werden, dass er einen ungemein glück- 
lichen Wurf gethan hat, indeni er — wie aus seinen übrigen 
Arbeiten hervorgeht: ein erfahrener Gährungschemiker — in 
einem für die Salpetererzeugung durch Verwesung besonder* 
geeigneten Material, den Meeresalgen, die Quelle des Stick- 
stoffs zu erkennen lehrte. Die Seetangtheorie genügte allen An- 
forderungen, welche man vor dreissig bis vierzig Jahren an die 
physiologische Chemie zu stellen berechtigt war. Inbezug auf 
den Jodgehalt des Chilesalpeters, dessen Ursprung er auf die 
jodsammelnde Eigenschaft der Meeresalgen zurückführte, wollen 
wir hier erinnern, dass wir dasselbe nach dem Auftreten Nö li- 
tt er 's als ein weitestverbreitetes Element sogar in organischer 
Bindung nicht nur in den Seepflanzen und Fischen, sondern auch 
in den Landpflanzen und im thierischen Organismus überhaupt^ 
auch im menschlichen, kennen gelernt haben. 

Nach diesem Exkurse zum Erklärungsversuch Dr. New- 
ton 's zurückkehrend, muss hervorgehoben werden, dass dieser Ge- 
lehrte sich unter sämmtlichen anorganischen Chemikern, welche 
in der Diskussion der vorliegenden Räthselfrage das Wort ge- 
nommen haben, ein besonderes Verdienst erworben hat durch 
Hochhaltung des Grundsatzes : dass es zur Lösung des Problems, 
das uns beschäftigt, durchaus nicht der Ausklügelung exklusiver 
Theorien bedürfe, da die gewöhnlichen Naturprocesse die geolo- 
gischen Ereignisse in durchaus zufriedenstellender Weise zu er- 
klären geeignet seien. Newton hat sich der Ansicht der mass- 
gebenden Forscher über die Erklärung der Nitrifikation in den 
Böden rückhaltlos angeschlossen; aber leider stützt ersieh ledig- 
lich auf einen agrikulturchemischen Versuch und nicht auf die 
von uns an der Salpetererzeugung — in der Natur — im phy- 
siologischen Laboratorium — in der Salpeterindustrie unserer 
Voreltern — in der Landwirthschaft verfolgten grösseren Wahr- 
heit. Der aus allen diesen Untersuchungen, Versuchen, Experi- 
menten hervorleuchtende Hauptzug der Natur, der — weil von 
allgemeiner Geltung — für die Geologen bindend ist, verlangt 
nämlich eine andere Formulirung der für die Erzeugung des 
Chilesalpeters vorauszusetzenden Bedingungen, als Dr. Newton 
vorgeschrieben hat. Theorie und Praxis müssen sich decken. 
Dr. Newton citirt die Ergebnisse R. Warrington's 22)^ der als 
günstigste Bedingungen für die Durchführung der Nitrifikation, 



- 46 - 

für das Wachsthum der Nitrobakterien nennt: einen porösen Boden, 
Vorhandensein pflanzlicher oder thierischer organischer Substanzen 
in reichlicher Menge, zusammen mit schwefelsaurem Kalk 
und alkalischen Basen — kohlensaurem Kalium, kohlensaurem . 
Natrium oder kohlensaurem Kalk. 

Auf Grund unserer im Vorstehenden angestellten Betrach- 
tungen dürfen wir hier schon diese Einwendung erheben: dass 
es nicht überall darauf ankommt, dass der Boden gypshaltig 
sei, wie denn der Kalk eine andere Rolle spielt, als die von 
Newton ihm zugedachte. 

Wenn ich noch einmal, zum letzten Male, auf die reichen 
Erfahrungen der deutschen Salpeterkultivatoren, deren einer der 
Hervorragendsten Joh. Gottfr. Pietsch war (1750) zurückkom- 
men darf, wenn wir die zuverlässigen Berichte eines J. Szabö 
und J. Moser (1850) über die ungarische Salpetergewinnung und 
weitere ältere Berichte über die Grundlagen der indischen, spani- 
schen und der übrigen Salpetererzeugung vergleichen mit den 
Resultaten der Autoritäten in Sache der bakteriell biologischen 
Nitrifikation, so entnehmen wir aus den sich über ein und ein 
halbes Jahrhundert ausdehnenden Studien folgendes interessante 
Ergebnisse dass die für die Erzielung einer reichen künstlichen 
Salpeterernte als günstigste Bedingungen erkannten Anforderungen 
an die Verhältnisse des Bodens oder der für die Salpeterkulturen 
besonders konstruirten Bauten (der Salpeterwände und Salpeter- 
schuppen) in nichts abweichen von den Bedingungen, deren Er- 
füllung die Salpetermikroben zu einer günstigen Wachsthums- 
entfaltung in den Natur- und Kulturböden bedürfen. Diese Be- 
dingungen sind: 

1. ein poröser Boden, welcher durch ungehinderte Luftcircu- 
lation die Sauerstoffzufuhr befördert; 

2. eine schwache Alkalinität des Bodens bei Anwesenheit 
starker Basen; kohlensaurer Kalk unbedingt erforderlich; 

3. eine Temperatur über Nullgrad, zwischen 50 und 37° C. 
(dem Optimum); 



22. Warrington hat aUerdings mehrere Versuche ausgeführt, um die 
Richtigkeit der Schlussfolgerungen Schlössing's und Müntz' zu prüfen, — 
>deren Untersuchungen der Ausgangspunkt der Experimente« War rington 's 
waren. — vergl. Ref. in den Ber. d. deutsch» ehem. Ges. X., 1877, 2, p. 2241. 
— Newton giebt übrigens nicht an, auf welche Arbeit er sich bezieht. 



— 47 — 

4- eine massige Bodenfeuchtigkeit, ein gewisser Wassergehalt 

des Bodens, der das Austrocknen verhindert; 
5. Vorhandensein faulender stickstoffhaltiger organischer 
Substanzen im Boden, pflanzlicher oder thierischer (Bil- 
dung von Ammoniak und Ammoniaksalzen, aus deren Ver- 
brennung durch stufenweise erfolgende Oxydation die 
Nitrobakterien ihre Lebensenergie schöpfen). 
Dieser äusseren Bedingungen für einen günstigen Verlauf 
der Nitrifikation bedurften die Mikroorganismen der Salpeter- 
erzeugung auch in der geologischen Vorzeit, und heute schreiben 
wir die besondere Fruchtbarkeit in den Wüstenoasen (z. B. in 
den Canchones von Tarapacä) dem Zusammentreffen mehrerer 
der Entwicklung des Pflanzenlebens günstiger Bedingungen zu, 
welche — durch das Auftreten des Wassers stellenweise erfüllt, 
— den Nitrobakterien die Möglichkeit gewähren, in der Einöde 
zu vegetiren und zu proliferiren. Die Salpeterbildung in den 
Böden aber ist abhängig vom Gehalt derselben an kohlensaurem 
Kalk, in welchen — wie wir schon im ersten Abschnitt Veran- 
lassung nahmen anzumerken, — der Gyps mit kohlensauren 
Alkalien übergeht. Durch die Einwirkung dieser in den vege- 
tabilischen Erden beständig erzeugten Karbonate bildet sich fein- 
zertheilter amorpher kohlensaurer Kalk, der im Ueberschuss der 
(sich im Verlaufe der physiologisch-chemischen Bodenprocesse 
entwickelnden) freien Kohlensäure besonders leicht in Wasser 
löslich ist (doppeltkohlensaurer Kalk), der somit vorzüglich ge- 
eignet ist, als neutralisirende Substanz zu wirken, indem sich das 
Calcium auf das Wachsthum der Salpeterbakterien indifferent 
verhält, — der Grund, wesshalb die Nitrobakterien sich auf kalk- 
haltigen Bodenpartijceln ansiedeln. 

Die Logik der Thatsachen zwingt uns, nunmehr anzuer- 
kennen: dass der kohlensaure Kalk des Bodens die Basis des 
nordchilenischen Salpeters gebildet hat, dass sich jedoch der 
ursprünglich entstandene Kalksalpeter — ein intermediäres Pro- 
dukt — mit Salzen des Natriums und Kaliums zu Chilesalpeter 
umsetzen musste. 23) Das Auftreten von Kalksalpeter neben 



23* Zahlreiche im Gebirge und im Untergrunde der Salares (Salzlagunen) 
perkolirende Gewässer enthalten im Abdampfrückstand durchschnittlich 35 — 50% 
Chlomatrium, 20 — 45% schwefelsaures Calcium, 20 — 45% schwefelsaures Natrium 



— 48 — 

Natronsalpeterlagern in den Salpeterwüsten steht hiermit voll- 
kommen im Einklänge. Bis zur Hervorbringung des Kalknitrats 
bestimmen die organischen Kräfte die chemischen Reaktionen; 
die weiteren Umsetzungen geschehen — wie sie noch immer in 
der Gegenwart geschehen . — auf dem Wege anorganisch-chemi- 
scher Reaktionen, welche jedoch nicht überall bis zur Natron- 
Kalisalpeterbildung führen. 

Dr. Newton hält übrigens die grosse Tamarugal- Steppen- 
wüste für das salpetererzeugende Naturlaboratorium, und er glaubt, 
dass der poröse gypshaltige alkalische Boden so reich an orga- 
nischem, in der Hauptsache pflanzlichem Material Ȋlteren Ur- 
sprunges c sei, dass Natriumnitrat in demselben angehäuft werden 
müsse, indem die im Untergrunde perkolirenden Gewässer kohlen- 
saures Natron enthielten und die hohe Temperatur die Nitrifikation 
begünstige. Schliesslich hält er dafür, dass die Blosslegung des 
Bodens und künstliche Bewässerung der aufgedeckten porösen 
Schichten, auf welche die Sonne mit voller Kraft eindampfend 
einwirken könne, die Möglichkeit einer der indischen und birmi- 
schen Salpeterkultur ähnlichen Industrie gewähre. 

Allerdings legt uns das drohende Gespenst der Erschöpfung 
der Chilesalpeterlagerstätten den Gedanken nahe, auf praktische 
Methoden der Massen darstellung salpetersaurer Salze zu sinnen. 
Aber müssen wir uns denn unter allen Umständen dazu der or- 
ganischen Kräfte bedienen?! Drängt nicht vielmehr alles darauf 
hin, die langsam verlaufenden Gährungsprocesse durch anorganisch- 
chemische Verfahren zu ersetzen?! Jedenfalls besitzt die Land- 
wirthschaft billigere Surrogate für den nach der Methode New- 
ton 's zu erzeugenden Salpeter, z. B. das schwefelsaure Ammo- 
niak, und giebt uns die Gährungstechnik ja rentabelcre Verfahren 
an die Hand. . . Das kostbare, in den wasserführenden Aus- 
mündungen der westlichen Andenthäler in ausgedehnten StoUen- 



und schwefelsaure Magnesia in wechselnden Proportionen, — das sind die Salze^ 
welche in der Chilesalpeterformatioii vorwiegen. 

Vergl. auch Dr. Eugen W. Hilgard: Einfl. d. Klimas auf die Bildg. u. 
Zusstzg. d. Bodens, Heidelberg, 1893, P- ^2: dass die landumschlossenen Salz- 
seen der Wüstenregionen im Allgemeinen denselben Sachverhalt erhärten, »dass 
die Chloride des Natriums und Magnesiums und die Sulphate derselben und des 
Calciums, die Hauptmasse der aus dem Lande ausgelaugten Bestandtheile bilden^ 
während von anderen Substanzen nur das Kalium in einigermassen bedeutender 
Menge vorkommt.« 



— 49 — 

anlagen gesammelte Wasser soll freilich der Produktion von 
Salpeter in den Wüsten dienstbar gemacht werden, — der Vor- 
theil der Nitraterzeugung in den Böden komme indessen lediglich 
dem Gemüse-, Obst- und Getreidebau in den sagenhaft frucht- 
baren Oasen des östlichen Wüstensaumes in den Ausläufern der 
Anden zu gute, — Aus dem Gesagten geht ohne weitere Worte 
hervor, dass die Bakterien eine Rolle — eine hochbedeutsame 
Rolle — gespielt haben, zur Begründung beitragend aller ur- 
sprünglich aus den Steppen kommenden Kulturl 



Wir kommen darauf zurück, dass es eine allgemein aner- 
kannte und unter anderem von den hunderttausenden Salpeter- 
analysen der Industrie und des Handel» bestätigte Tbatsache ist, 
dass der Chilesalpeter im Wesentlichen aus Natriumnitrat besteht. 
Diese Ansicht soll jedoch — nach dem zu urtheilen, was uns 
Zeitungsberichte aus Chile über die neuesten mineralogisch- 
chemischen Entdeckungen des Dr. W. Krull melden 24) grund- 
verkehrt sein. Das heisst: wenn die Zeitungsberichte über die 
neuesten Auffindungen und Gedanken, welche Dr. Krull im 
Februar dieses Jahres auf dem wissenschaftlichen Kongress in 
Concepcion-Chile vorgetragen hat, die Ansicht dieses ver- 
dienstvollen Chemikers einigermassen richtig wiedei^eben : so be- 
steht der Caliche nicht aus salpetersaurem Natriimi, Kalium und 
Calcium neben den gewöhnlichen Sulphaten der Alkalien und 
Erden und den Haloidsalzen. Dieses Ereigniss wäre so bedeu- 
tend, dass wir — vor dem Erscheinen der Originalarbeit Krull' s 
— einstweilen eine entstellte Wiedergabe des Vortrages ver- 
muthen, wenn wir Folgendes lesen: 

»Was die Salpeterformation ausmacht, ist eine Serie von 
Substanzen und Verbindungen, welche man bisher für Chlor- 
natrium, schwefelsaures Natrium und salpetersaures Natrium ge- 
halten hat. Diese Säuren finden sich nun vornehmlich in Kom- 
bination mit Substanzen, welche Herr Professor Krull entdeckt 
hat, mit Substanzen, welche wesentliche Bestandtheile der um- 
liegenden Berge nnd der unterirdisch fliessenden Gewässer 



24. Importa nte descubrim ien to en el salitre, — Su formacion. — 
El profesor Krull. (de El Mercurio). s, La Patria — Iquitpie, 27. März 1896, 
No. 1540. 



— so ~ 

sind.« . . . Durch die Oxydation dieser Substanzen sollen in 
Verbindung mit den Hauptbestandtheilen der Luft die Haloid- 
salze, Sulphate und Nitrate entstanden sein, welche im Caliche 
enthalten sind. Krull hat den Berichten zufolge in den per- 
kolirenden mit Salzen beladenen Wässern der Salpetergebiete 
»reichliche Mengen der bisher unbekannten Verbindungen ent- 
deckt, welche er Andium und Chilium nennt, c »Diese Sub- 
stanzen haben den Caliche gebildet, allerdings in Verbindung 
mit Chlorsäure und anderen von Professor Krull entdeckten 
Substanzen. c Ferner soll Krull in den Caliches eine wichtige 
chemische Verbindung gefunden haben, welche er »oleum pam- 
pinum« oder »Pampasoelc nennt, — welches »beiträgt, die 
Zahl der Elemente oder Mineral Verbindungen zu vervollständigen, 
welche miteinander in der Salpeterformation vorkommen, c — 
»Der Gehalt an Chlorsäure« aber soll die Salpeterbrände hervor- 
rufen — sowohl in den Salpeterofficinen als auch in den Lager- 
schuppen an der Küste. Weiter wird merkwürdigerweise Nach- 
druck daraufgelegt: »dass der Chilesalpeter nicht zum Pflanzen- 
reich gehöre, dass er ein Mineral sei — wie jedes andere,« 
was nur so verstanden werden kann, dass der Autor nicht an 
den Ursprung der Chilesalpetersäure aus Organismen glaubt. Dr. 
Krull ist Anhänger der atmosphärischen elektrischen und durch 
vulkanische elementarische Verbrennungsprocesse erfolgenden Ni- 
trifikation 25) und wendet sich mit der gedachten Bemerkung 
gegen die Nachbeter Nöllner's. Aber bei weitem absurder 
erscheint ihm die Voraussetzung, dass irgend ein Guano die ur- 
sprüngliche Salpetersäurequelle gebildet habe. . . . Nach allem 
dem wäre ja in den Lehrbüchern der Mineralogie für den un- 
garischen und die übrigen Salpeter kein Raum — und das von 
uns aufgezimmerte Gebäude der Geozymologie beruhte in Wirk- 
lichkeit auf Wahnbegriflen. Für uns giebt es keine andere Nitri- 
fikation, die zur Erzeugung des Chilesalpeters geführt haben 
könnte, als die von Bakterien eingeleitete und durchgeführte 
Salpetersäuregährung in der Erdbodenoberfläche, an der Grenze 
des Luftoceans, wo durch die mikroskopischen Pilze der Aus- 
tausch des Stickstoffs im Kreislaufe der Materie hauptsächlich 
bewirkt wird. . . und wenn vor kurzem T. L. Phipson »nach 



25. Vergl. Dr. W. Krull: »Studie der Salpeterwüste und ihrer Industrie c 
in Mitthlgn. a. d. naturw. Verein f. Neuvorpommern und Rügen, 1892. 



— 51 — 

dreissigjährigen Untersuchungen« über die Assimilation des Stick- 
stoffs durch die Pflanzen zu der Ueberzeugung gelangt ist, dass 
der Stickstoff nur im Zustande des salpetersauren Salzes assimilirt 
wird; wenn dieser Gewährsmann ferner der Ansicht ist, dass 
die Nitrifikation überall in der Erdbodenoberfläche bewirkt wird 
durch die langsame Oxydation des Ammoniaks, — dem er 
übrigens, wie auch der Kohlensäure, eine ursprünglich vulkanische 
Herkunft zuschreibt — : nun so erkennen wir in dieser ausdrück- 
lichen Hervorhebung des bodenchemischen Charakters der Nitri- 
fikation ein günstigstes Symptom für die baldige Herstellung des 
so dringend wünschenswerthen Einverständnisses unter den Sal- 
peterforschern Hieran wird nichts geändert, wenn man (an die 
Untersuchungen über das Calciumcarbid anknüpfend) voraussetzt, 
dass der Stickstoff ursprünglich an metallische Elemente ge- 
bunden gewesen ist, da diese Verbindungen, durch die Einwirkung 
des Wassers zersetzt, nur Metalloxyde und Ammoniak geliefert 
haben können. 

Wir haben hier nicht Raum, den auf jeden Fall an Ueber- 
raschungen reichen Ausführungen K r u 11 ' s , mit welchen er die 
Bemühungen dreier Generationen abschliesst, weiter zu verfolgen; 
auch hat es keinen Zweck, hinsichtlich der Abfertigung Nöll- 
ner's durch Krull aufs Neue ausführlich zu beweisen: dass der 
Algenstickstoff nur durch Bakterien zu Salpetersäure transformirt 
wird. 



Die Gährungswissenschaft, unter den Hülfswissenschaften 
der Geologie die jüngste, verbindet als Geozymologie die Geo- 
logie auf das Engste mit den biologischen Wissenschaften. Im 
Studium der Aeusserungen und der geologischen Wirkungen der 
zymotischen Kräfte verschmelzen die dynamische und die chemi- 
sche Geologie. Durch die Aufnahme zymologischer Gesichts- 
punkte in die geologische Methode werden wir mit der Agri- 
kulturchemie vertraut und mit der Hygieine verwandt. Beim 
Durchblättern der Entwicklungsgeschichte der Gährungswissen- 
schaft bis zum gegenwärtigen Stande unserer Kenntniss von den 
zymischen geogenetischen Phänomenen enthüllen sich uns inter- 
essante Blicke in die Morphologie und in die Geographie — ja 
in die Kulturgeschichte des Menschen. 



_ 52 — 

Blicken wir auf unsere Betrachtungen zurück! Welche Un- 
zahl verschiedener Abhängigkeitsverhältnisse in den aus dem 
gesetzmässigen Ineinandergreifen von organischen, physikalischen 
und chemischen Kräften herrührenden Naturerscheinungen, von 
defen Verkettung unter einander inbezug auf die einzelnen Ur- 
sachen und Wirkungen im Ganzen der Natur wir nur einen be- 
scheidensten Theil gestreift haben! Immerhin berechtigen uns die 
gepflogenen objectiven Erwägungen zu der Hoffnung: dass es 
uns gelingen werde »das Schwierige bei der Natur zu über- 
winden, — das Gesetz da zu sehen, wo es sich uns verbirgt« 
— in einer zeitgemässen Erläuterung des Problems des Chile- 
salpeters als desjenigen Phänomens, welches das Hauptparadigma 
der Geozymologie bildet. Wir haben uns davon überzeugt, dass 
wir zu diesem Endzweck weder Vulkanalien feiern sollen, noch 
uns in absonderliche Stübeleien verrennen dürfen über salpeter- 
bildende marine Kataklysmen. Über die atmospärisch-elektrische 
Nitrifikation ist kein Wort weiter zu verlieren. . . Auf diesem 
Felde erringt keiner die Palme, der die Sehnsucht, die ihm in 
der Seele brennt, willkürlich löscht. Wir haben es an den so 
wenig glückliche Einfälle zeigenden neuesten Erklärungsversuchen 
verfolgen können, dass im Allgemeinen ungefähr auf je drei Zeilen 
der in diese umfangreiche Speziallitteratur niedergelegten Mei- 
nungen, wie man zu sagen pflegt: »dreitausend Zeilen der Be- 
richtigung« entfallen. Hypothesiren und Theoretisiren über wissen- 
schaftliche Gegenstände, die schon vor längerer Zeit gründlich 
erkannt worden sind, ist überflüssig und unangebracht. Müntz 
hat in seiner klassischen Aufhellung des Geheimnisses der Chile- 
salpeterbildung durch die zeitgemässe Auflösung des engeren 
Problems in dieser Richtung die Macht der Phantasie bezwungen ; 26) 
aber da er die Salpeterwüsten nicht aus eigener Anschauung 
kannte, so stellte er eine Theorie auf, welche der geologischen 
Kritik nur dann vollkommen hätte standhalten können — wenn 
er mit den Darlegungen Bollaert' s^y) bekannt geworden wäre. 
Es ist ja vollkommen richtig, dass dort, wo durch energische 
physiologisch-chemische Nitrifikation Salpeter in grösseren Mengen 
gebildet wird, als letzte Zeugen des thierischen Ursprunges, phos- 
phorsaurer Kalk angetroffen wird, welcher die Bildung des Sal- 



26. s. Anm. 5. 

27. s. Anm. 20. 



— 53 — 

peters in situ anzeigt, und dass das Fehlen solcher Phosphat- 
massen in der Umgebung der Nitratlager anzeigt: dass der Chile- 
salpeter sich nicht am Platze seiner Ablagerung aus thierischen 
Resten gebildet haben kann, sondern dass er vielmehr von den 
cirkulirenden Gewässern gelöst, seinen Ursprungsort verlassen 
habe und durch Verdunstung des Wassers auf den augenblick- 
lichen Lagerstätten nur angereichert worden sei. Wir legen 
nicht so grossen Nachdruck auf das Fehlen der Phosphate, weil 
wir den Chilesalpeter für das normale Endprodukt eines regio- 
nalen Stickstoffmineralisirungsprocesses halten. Da wir wissen, 
dass der südamerikanische Kontinent zur Tertiaer- und Diluvial- 
zeit Pflanzenwuchs getragen und Thierleben gezeigt hat, so er- 
kennen wir den Ursprung der Salpetersäure in der Verwesung 
thierischer und pflanzlicher organischer Substanzen, — kürzer: 
in (stickstoffhaltigen) organischen Stoffen, da die animalischen 
Eiweisskörper durch die Umwandlung der pflanzlichen Nahrung 
entstehen, und der Stickstoff* der thierischen Körper demnach, 
im Principe genommen, vegetabilischer Stickstoff" ist. Was dann 
das Phänomen der Ortsveränderung des Salpeters anbetriffl, so 
ist es häufig; beständig findet es vor unseren Augen statt, was 
man schon an den Efflorescenzen des Mauersalpeters erkennt. ^8) 
Die Pflanzen entziehen dem Untergrunde nicht die ganze 
jeweilig in ihm cirkulierende Salpetermenge. Kann daher irgend- 
wo ein spärlicher, nicht einmal kontinuirlicher, Abfluss von Nitrat 
mit Salzlösungen nach einem Trockengebiet stattfinden, so muss 

— schon wegen der allgemeinen Mineralführung der Gewässer 

— in den Becken oder flachen Wannen mit der Zeit ein Sal- 
petersalzgemisch abgesetzt werden. Somit drängt sich uns die 
Vermuthung auf, dass die Chilesalpetersäure im Hinterlande der 
Calichales erzeugt worden sein dürfte, und dass die Aufspeiche- 
rung von Salpeter und seinen Begleitsalzen an der Bodenober- 



28. Vergl, Dr. J. Reinhard Blum: Lithurgik. Stuttgart, 1840, pag. 
353. »Nach River o findet sich der Salpeter in Lagern und soll, wie Meyen 
glaubt, aus dem Sandboden effloresciren, wie das mit anderen Salzen an gar vielen 
Orten des südlichen Amerikas der Fall ist«, und Professor Dr. J, Meyen: 
Beiträge r. Kenntn. d. Prov. Tarapacä etc. in Berghaus' Annalen, 1835, XI, 
pp. 209 — 217. > . . so wie ich weiter südlich, nämlich in der Provinz Copiapö 
unabsehbare Sandflächen durchreist bin, welche ganz und gar mit efflorescirtem 
Salze bedeckt waren c Merkwürdigerweise entging den SalpeterschriftsteUem 
dieser Fingerzeig. 



— 54 — 

fläche in Tarapacä und Atacama in nichts abgewichen zu haben 
scheint von den Naturvorgängen, welche wir in der Gegenwart 
beobachten. Natronsalpeter wird nicht nur in den Quellen der 
Westanden und in den Gewässern der Hochplateaux gefunden, 
sondern es hat (durch den Erzgrubenbetrieb erschlossen) im Osten 
der Lagerstätten, einige hundert Meter höher als das Niveau der 
nächstgelegenen Salpeterfelder, eine vormalige Durchtränkung 
ganzer Gebirgshorizonte mit perkolirender Calichelauge nachge- 
wiesen werden können und sind in grosser Höhe über dem Meer 
(ca. 38(X) m) kleine Salpeterflötze bekannt geworden. 

Von der durchaus unruhigen Erscheinung des Salpeter- 
vorkommens in den verschiedenen Hauptbecken und sogar an 
einzelnen Stellen desselben Lagers, von den gesetzlosen Facies 
der Salpeterformation Nordchiles wird niemand mehr die Antwort 
holen wollen auf die hier erörterte Frage. Die Lagerstätten sind 
nur eine res accessoria. Die verschiedenen Begleitsalze der Ca- 
liches als Haloidsalze, Sulphate, Borate, Jodate, Bromate u. s. w. 
sind normale Auslaugungsprodukte des riesigen Gebirgshinter- 
landes, und es mag unter Berufung auf die interessanten Ver- 
suche Wm. Bollaert's zugegeben werden, dass die Seewinde und 
die Nebel aus dem verstäubten Seewasser eine nicht unbeträcht- 
liche Menge Salze hinzugefügt haben. Eine der interessantesten 
hier zu erwähnenden Erscheinungen ist die durchgreifende Zer- 
setzung der Ausgehenden, die Halogenisation der Erze, eine 
mitunter mehrere hundert Meter niedersitzende Zone von ent- 
scheidender Bedeutung für den Grubenbetrieb. . . . Dieser riesige, 
über so riesige Räume hin gleichartige Effekt kann in der Haupt- 
sache nur einem durch sehr lange Zeiten kontinuirlich wirkenden 
Naturvorgange zugeschrieben werden, — der langsamen, schritt- 
weise erfolgenden Zersetzung des Gebirges und dem unterirdisch 
cirkulirenden, die durch seine auslaugende Thätigkeit in Lösung 
mitgeführten Salze durch das Gebirge perkolirenden Wasser. ^9. 



29. Vergl. Wm. Bollaert: Geography of Southern Peru, in Geogr. Soc. 
Journ. XXI. 1851. pp. 99 — 129 (mit einem sauber ausgeführten Croquis. Die 
von Bollaert u. Smith gesammelten Daten wurden von Arrowsmith in seinen 
Kartenblättern für die Werke Cpt. Fitz-Roy' s u. Sir Wood ward Parish's verwendet, 
ebenfalls von Berghaus). — Vergl. v. dems. Autor: Natronsalpeter in der Prov. 
Tarapacä, Süd-Peru, in Karsten's Archiv, XXV, 1853, pp. 667 — 671; vornehmlich 
aber vergl. das in Anm. 20. citirte Werk Bollaert's. 



— 55 — 

Es musste also in den Niederungen zwischen Anden und Küsten- 
gebirge ausser Salzgemischen abweichendster procentischer Zu- 
sammensetzung auch Salpeter sich absetzen — sobald nur das 
höher gelegene Hinterland an Feuchtigkeit keinen Mangel litt 
und die übrigen Bedingungen für das Gedeihen von Pflanzen und 
Thieren dort vorhanden waren. Diese Vermuthung steigert sich 
zur Ueberzeugung, wenn die paläontologischen Funde — als 
Skelete von Riesenmammiferen, Riesenedentaten, als Quellenkalke, 
welche Schnecken- und Pflanzenversteinerungen führen, — darauf 
schliessen lassen, dass in den angedeuteten Nitrifikationsbezirken 
auch in der jüngstverflossenen Epoche der Erdentwickelung den 
Pflanzen und Thieren, also auch den Salpetermikroben nicht un- 
günstige Existenzbedingungen vorgeherrscht haben. (Um die 
Salpeterbildung zu erklären, bedarf es garnicht der Annahme 
eines Optimums der wiederholt gedachten äusseren Bedingungen.) 
Mag nun ein Theil der in den Caliches enthaltenen Salpetersäure 
schon zur Tertiärzeit mineralisirt worden sein, so spricht die 
grössere Wahrscheinlichkeit doch wohl für die ältere Quartär- 
zeit, oder besser — der Lösszeit, deren Ablagerungen an 
einigen Stellen — sowohl in der näheren Umgebung der 
Nitratfelder als auch in der Andenregion — von den Ueberresten 
der ebengedachten steppenbewohnenden Riesensäuger charak- 
terisirt werden. 3d. 



30. Ungeföhr bei 3800 m. Höhe ü. d. Still. Ocean. -- M. F. Paz 
Soldan giebt in seinem Cuadro General de Alturas Comparativas del Peru (in 
seinem grossen Atlas geografico, 1865) die Höhenlage der Weideplätze der Llamas 
u. Alpacas im Sommer bis zu 4800 m. an. An die Mistplätze der Kameliden 
anknüpfend, von denen uns Kuntze (s. Anm. 10) berichtet, wollen wir nicht ver- 
gessen, hier ausdrücklich zu betonen: dass die so vieles Kopfzerbrechen verur- 
sachenden Guanos der Salpeterlagerstätten und der Binnenland salz wüsten von mo- 
dernen Bewohnern der angrenzenden Steppen abgesetzt worden sind — so 
namentlich von Ctenomys und dort noch immer lebenden Thalassidromen und 
Steppeneulen — (unbedeutendste Guanofleckchen auf Klüften der Salpetersalzflötze, 
curiosa ohne alle und jede genetische Beziehung zur Bildung des Natronsalpeters) 
— , während der Küsten- und Inselguano von Seevögeln und Seehunden herrührt, 
wodurch es jedermann verständlich wird, was bei den Augenzeugen solcher In- 
landfundstätten schon lange feststeht: dass diese so leicht von einander zu unter- 
scheidenden Guanos durchaus nicht in irgend eine Beziehung zu einander gebracht 
werden dürfen. — Die Kadaver dieser kleinen Säuger und Vögel wie auch der 
im Vorhergehenden erwähnten Baumleichen sind als Trockenleichen erhalten ge- 
blieben — weil konservirt durch die (sterilisirende) trockne Wüstenluft : die Summe 



- 56 - 

Die Salpeterfelder bezeichnen lediglich eine Unterbrechung 
im Kreislaufe des Stickstoffs und der Salze; es schrumpft das 
grosse Geheimniss zusammen auf ein Problem der historischen 
Geologie. Die nordchilenischen Salpetersalzlager sind eine echte 
Festland bildung sowohl inbezug auf die Nitrate, als auch hin- 
sichtlich der unmittelbaren Herkunft der Begleitsalze. Die Steppen 
der Tertiär-Diluvialzeit, der Lösszeit, vereinigten ohne allen 
Zweifel die für die Durchführung der hypogäischen Nitrifikation 
relativ günstigsten Bedingungen. Die Vermehrung der auf die 
allergewöhnlichste Weise von der Natur erzeugten Menge sal- 
petersaurer Salze aus den Atmosphärilien durch die elektrische 
Nitrifikation im Luftocean und durch die wiederum von mikroskopi- 
schen Pilzen bewirkte Fixation des freien Stickstoffs der Atmo- 
sphäre im Erdboden — bedarf im Jahre 1 896 ebensowenig einer 
wiederholten Bestätigung, wie die Möglichkeit eines weiteren 
Zuwachses an Salpeter aus vulkanischen Sublimationen durch 
die wiederum von Bakterien erregte Oxydation des Ammoniums 
der Exhalationen der andinen Feuerberge — einer besonderen 
Erläuterung. 

Die Salpetersäure des Chilenitrates ist das Produkt eines 
an sich höchst unscheinbaren, jedoch durch lange geologische 
Zeitabschnitte kontinuirlich wirksamen und daher — im Grossen 
und Ganzen genommen — noch immer in der Gegenwart ge- 
waltige geologische Effekte hervorbringenden physiologisch-che- 
mischen Processes, eines bakteriell-biologischen Vorganges. Die 
Caliches sind inbezug auf ihren Gehalt an Stickstoff in unorgani- 
scher Bindung auf der höchsten Sauerstoffstufe ein Kolossaldenk- 
mal, welches in der Hauptsache geotektonische, hydroche- 
mische und hydromechanische Kräfte und — im Verbände mit 
myriadisch-säkularen Klimaänderungen — vielleicht auch kosmi- 
sche Einflüsse der geologischen Thätigkeit der mikroskopischen 
Pilze gesetzt haben. 

Möge recht bald die feste Ueberzeugung von dem eminent 
freundlichen geologischen Beruf, den gewisse Bakterien um uns 
herum ausüben, in weiteste Kreise getragen werden! 



der Bedingungen der Fäulniss wird nicht erfüllt, die Fäulniss- Verwesung bleibt 
aus, — wie in Sibirien durch hohe Kältegrade bedingt (wohlerhaltene Mammuth. 
leichen) und in Torfmooren durch die Bildung organischer Säuren (menschliche 
Kadaver vollkommen erhalten). 



— 57 — 

Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass durch die Konse- 
quenzen der Anwendung dieser auf weiten Umwegen erlangten 
geozymologischen Perspektive neues Licht falle auch auf andere 
Probleme. 

Göthe's Schluss Worte in der »Selbstprüfung« dürften auch 
an diesem Platze die auf die Zukunft gesetzte Hoffnung treffend 
ausdrücken: ^»denn ob ich gleich mir nicht einbilde, dass hiermit 
alles gefunden und abgethan sey, so bin ich doch überzeugt: 
wenn man auf diesem Wege die Forschungen fortsetzt und die 
sich hervorthuenden näheren Bedingungen und Bestimmungen 
genau beachtet, so wird man auf etwas kommen, was ich selbst 
weder denke noch denken kann, was aber sowohl die Auflösung 
dieses Problems als mehrerer Verwandten mit sich führen wird.« 

Ist die Zeit vorüber, da man das Problem des Chilesal- 
peters auf Steckenpferdchen berennen darf, wird es von Neuem 
um die Räthselfrage ertönen — das vor Jahrzehnten erklungene 
Entsagungmotiv: »es hat den Anschein, als hätten bei der Bil- 
dung des so mächtig auftretenden salpetersauren Salzes uns 
jetzt unbekannte Verhältnisse obgewaltet«. . .? 



Berichtigungen. 



Auf p. 6, Zeile 17 von oben: lies »aufdrängenden«. 

» » 19, letzte Zeile: lies »deren gründliche Kenntniss«. 

» » 26, Zeile 19 von oben: lies »koprophiler Bakterien in 

Koprolithen«. 
» »28, »19 von unten: lies «aus dem letzteren«. 
» » 33, » 2 » oben: lies »ozonisirten Sauerstoffs«. 
» » 40, » 9 » » lies »von Flugsand«. 
» » 41, » 18 » » lies »XL — XVI.« 

41, » 27 » » lies »XVIII.« 

46, » 15 » * li^s »I. Moser «^. 



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Druck von Fkudinand Schlotke, Hamburg 

Bremerstrasse 16 a. 



6--^§^J^<i 



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